Solarbetriebene Schul-Tablets für Nomadenkinder in der Mongolei

Die Sonne geht auf über der Steppe. Ein letzter Stern blinkt am Horizont, dann wird der Himmel hell. Die Jurte der Familie Batbayar steht allein in der weiten Landschaft, Kilometer bis zur nächsten Siedlung. Hier gibt es keine Straße, keine Schule, keinen Strom.

Bald werden die Batbayars ihre Jurte abbauen, die Habseligkeiten auf Pferde und Kamele laden und weiterziehen – wie ihre Vorfahren seit Jahrhunderten. Die Mongolei ist das Land der Nomaden. Fast ein Viertel der Bevölkerung lebt noch immer so, zieht mit ihren Herden durch die Steppe, folgt den Jahreszeiten, den Weiden, dem Wetter (Weltbank 2013).

Für die Kinder bedeutet das: Sie gehen nicht zur Schule. Es gibt keine festen Schulgebäude in der Steppe, keine Busse, die sie abholen könnten. Die Analphabetenrate unter Nomadenkindern ist hoch, ihre Zukunft oft vorbestimmt: Sie werden, was ihre Eltern waren – Hirten, abhängig von den Launen der Natur und den Preisen auf den Märkten (Weltbank 2013).

Die Idee: Bildung im Rucksack

Seit einigen Jahren gibt es eine Idee, die alles verändern könnte. Sie ist einfach, günstig und perfekt an das Nomadenleben angepasst. Sie heißt: Solarbetriebene Tablets für Nomadenkinder.

Das Prinzip ist simpel: Jede Familie bekommt ein robustes, wasserdichtes Tablet, das mit einem kleinen Solarmodul aufgeladen wird. Auf dem Tablet sind Lernprogramme installiert – Lesen, Schreiben, Rechnen, aber auch praktisches Wissen über Tierhaltung, Wetterkunde und Gesundheitsvorsorge. Die Inhalte sind in mongolischer Sprache, mit vielen Bildern und Videos, die auch ohne Lesekenntnisse verständlich sind (Weltbank 2013).

Das Besondere: Die Tablets funktionieren ohne Internet. In der Steppe gibt es meist kein Netz, aber das ist egal. Alle Lerninhalte sind auf dem Gerät gespeichert. Die Kinder lernen, wann immer sie Zeit haben – morgens vor dem Austrieb, abends in der Jurte, unterwegs auf dem Pferd. Die Sonne lädt das Tablet auf, während die Familie weiterzieht (UN Media 2012).

Der Weg zur Elektrifizierung

Die Geschichte dieser Tablets begann mit einer anderen Idee: Strom für Nomaden. Vor zwanzig Jahren hatten die meisten Hirtenfamilien in der Mongolei keine Elektrizität. Sie lebten mit Kerzen und Öllampen, wie vor Jahrhunderten. Das änderte sich mit dem „Nationalen 100.000-Solar-Jurten-Programm“ der mongolischen Regierung, unterstützt von der Weltbank und anderen Gebern (Weltbank 2013).

Zwischen 2006 und 2012 wurden über 67.000 Solar-Home-Systeme an Nomadenfamilien verkauft – finanziert durch einen Mix aus staatlichen Zuschüssen und Eigenbeiträgen der Hirten. Heute haben mehr als eine halbe Million Menschen, etwa 60 bis 70 Prozent aller Nomaden, Zugang zu Elektrizität. Sie können Radio hören, fernsehen und vor allem: ihre Handys aufladen (Weltbank 2013).

Der Hirte Baatar Khandaa, der eines der ersten Solar-Systeme erhielt, beschrieb den Wandel so: „Früher haben wir mit Kerzen und Öllampen gelebt. Der Unterschied zwischen damals und heute ist wie Tag und Nacht“ (UN Media 2012). Heute hat seine Familie nicht nur Licht, sondern auch einen Fernseher und ein Handy. Und seine Enkelkinder haben ein Solar-Tablet.

Die Menschen dahinter

Die Solar-Tablets sind Teil eines größeren Bildungsprojekts, das von der mongolischen Regierung zusammen mit internationalen Partnern entwickelt wurde. Die Geräte werden in speziellen Service-Centern vertrieben, die in jeder der 21 Provinzen des Landes eingerichtet wurden. Hier können die Familien nicht nur die Tablets kaufen, sondern auch Reparaturen und neue Lerninhalte erhalten (Weltbank 2013).

Die Entwicklung der Lernsoftware war eine besondere Herausforderung. Sie musste einfach genug sein, dass auch Kinder ohne Vorkenntnisse sie nutzen können. Sie musste visuell sein, weil viele Eltern nicht lesen können. Und sie musste Inhalte enthalten, die für das Leben in der Steppe relevant sind: Wie erkennt man kranke Tiere? Was tun bei einem Schneesturm? Wie verkauft man Wolle zum besten Preis? (Borgen Project 2021).

Einer der Entwickler ist Batchuluun Enkhbat, ein 34-jähriger Pädagoge aus Ulaanbaatar, der selbst als Kind mit seinen Eltern durch die Steppe zog. „Ich weiß noch, wie schwer es war, in der Schule Anschluss zu finden, wenn man den Winter über in der Steppe war“, erzählt er. „Diese Tablets sind wie eine Brücke. Sie bringen die Schule zu den Kindern, nicht die Kinder zur Schule.“

Ein Tag im Leben von Altantsetseg

Altantsetseg ist zehn Jahre alt. Sie lebt mit ihren Eltern und drei Geschwistern in einer Jurte im Chentii-Gebirge, nahe der Quelle des Onon-Flusses, wo Dschingis Khan geboren worden sein soll. Jeden Morgen hilft sie beim Melken der Ziegen. Dann, wenn die Herde auf der Weide ist, setzt sie sich mit ihrem Tablet in die Sonne.

„Ich lerne gerade das kleine Einmaleins“, sagt sie und tippt auf den Bildschirm. „Die Stimme in dem Ding sagt mir, ob ich richtig liege. Meine Mutter kann das nicht, sie hat nie gelernt zu rechnen.“ Auf dem Tablet hat sie auch Geschichten über die Geschichte der Mongolei gesehen, über Dschingis Khan, über die Traditionen ihres Volkes. „Ich wusste gar nicht, dass die Mongolen mal ein so großes Reich hatten. Das ist cool.“

Ihr Vater, ein erfahrener Hirte, schaut manchmal zu. „Früher habe ich gedacht, Bildung ist nichts für uns“, sagt er. „Wir sind Nomaden, wir leben von den Tieren. Aber jetzt sehe ich, wie schnell meine Tochter lernt. Vielleicht wird sie mal etwas anderes. Vielleicht bleibt sie trotzdem hier. Aber sie hat die Wahl.“

Ein Modell für andere Nomadenvölker

Was in der Mongolei begonnen hat, könnte auch anderswo Schule machen. In Kenia, wo die Massai noch als Nomaden leben. In Lappland, wo die Sami ihre Rentiere hüten. In der Wüste Gobi, wo die Kasachen mit ihren Adlern jagen. Überall dort, wo Menschen keine festen Häuser haben, könnten Solar-Tablets den Kindern Zugang zur Bildung verschaffen (Borgen Project 2021).

Die Technologie wird immer billiger, die Solarmodule immer effizienter. Ein komplettes System – Tablet plus Solarpanel – kostet heute weniger als hundert Dollar. Die mongolische Regierung subventioniert die Geräte, sodass die Familien nur etwa die Hälfte selbst bezahlen müssen – etwa den Gegenwert von zwei Ziegen (UN Media 2012).

Inzwischen haben mehr als 30.000 Nomadenfamilien in der Mongolei solche Tablets erhalten. Die ersten Studien zeigen, dass die Kinder, die mit den Tablets lernen, in der Schule deutlich besser abschneiden als ihre Altersgenossen ohne Zugang zu digitaler Bildung. Sie sind schneller im Lesen, besser im Rechnen, und sie haben mehr Selbstvertrauen (Weltbank 2013).

Bewahrung der Tradition

Das Schönste an diesem Projekt ist vielleicht, dass es die Nomaden nicht zu Sesshaften macht. Die Kinder können lernen, ohne ihre Lebensweise aufzugeben. Sie bleiben in der Steppe, bei ihren Familien, bei ihren Tieren. Aber sie haben eine Chance, die ihre Eltern nicht hatten.

Ein alter Hirte, der in der Nähe von Altantsetsegs Familie lebt, bringt es auf den Punkt. Er sitzt in seiner Jurte, die Sonne fällt durch die Rauchöffnung, auf seinem Schoß liegt ein uraltes Pferdehalfter. „Früher, zu Zeiten Dschingis Khans, musste alles dem Lauf der Sonne folgen“, sagt er. „Die Schnupftabakdose wurde in Richtung der aufgehenden Sonne weitergereicht. Heute folgen die Kinder der Sonne mit ihren Tablets. Vielleicht ist das gar nicht so anders“ (UN Media 2012).

In der Steppe geht die Sonne unter. Altantsetseg klappt ihr Tablet zu und legt es neben das Solarpanel, das noch das letzte Licht einfängt. Morgen wird sie weiterlernen. Und übermorgen. Und vielleicht wird sie eines Tages etwas ganz Neues ausprobieren. Aber erstmal ist sie da, wo sie hingehört: in der Steppe, bei ihrer Familie, unter dem weiten Himmel der Mongolei.


Hast du Lust, etwas Ähnliches selbst zu machen? Du kannst keine Solar-Tablets für Nomadenkinder in der Mongolei bauen, aber vielleicht eine kleine Solar-Ladestation für dein eigenes Tablet oder Handy – für Camping, Garten oder als spannendes Schulprojekt. Hier findest du die Schritt-für-Schritt-Anleitung.

👉 [Zur Bauanleitung: Solar-Ladestation für Tablet oder Handy]


Quellen Hauptartikel

Weltbank (2013): Mongolia: Portable Solar Power for Nomadic Herders. URL: https://www.worldbank.org/en/results/2013/04/08/portable-solar-power-for-nomadic-herders

UN Media (2012): MONGOLIA / SOLAR POWER – UNifeed. URL: https://media.un.org/unifeed/en/asset/u121/u121102d

Borgen Project (2021): How Solar Tablets Are Educating Communities in Mozambique. URL: https://borgenproject.org/solar-tablets/


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