Der Geruch, der vom Hafen von Djúpavík herüberweht, ist nicht jedermanns Sache. Fisch, verwesend, salzig, intensiv. Die meisten würden die Nase rümpfen. Die Bewohner dieses kleinen Dorfes an der Westküste Islands riechen längst nichts mehr. Sie sehen in dem, was da in großen Containern lagert, keine Belästigung, sondern eine Quelle: Fischabfälle, aus denen sie Strom und Wärme gewinnen.
Ein Dorf am Ende der Welt
Djúpavík liegt abgeschieden, weit weg von Reykjavík, weit weg von allem. Früher lebte das Dorf von der Heringsverarbeitung, dann ging die Fabrik zu, die Menschen zogen fort. Übrig blieben ein paar Hundert, die nicht wegwollten, und die Fischreste der kleinen Boote, die noch immer anlegten.
Die Idee, daraus Energie zu gewinnen, hatten zwei Isländer, die in Deutschland studiert hatten und dort Biogasanlagen kennengelernt hatten. Sie fuhren zurück in ihre Heimat, suchten sich einen Ort, der weit genug weg war von den großen Städten, wo niemand sich über den Geruch beschweren würde. In Djúpavík fanden sie, was sie suchten.
Wie aus Abfall Energie wird
Die Anlage, die heute am Hafen steht, ist nicht groß. Ein paar Tanks, ein Generator, Rohre, die in die Häuser führen. Aber sie reicht, um das ganze Dorf zu versorgen. Jeden Morgen bringen die Fischer ihre Abfälle – Köpfe, Gräten, Eingeweide, das, was sie nicht verkaufen können. In einer riesigen Presse wird alles zerkleinert, dann wandert die Masse in einen Fermenter, wo Bakterien sie zersetzen und Methan freisetzen. Das Methan treibt einen Generator an, der Strom produziert. Die Abwärme heizt Wasser, das durch Rohre in die Häuser fließt.
Die Fischer müssen für die Abfälle nichts bezahlen, im Gegenteil, sie sparen die Gebühren, die sie früher für die Entsorgung zahlen mussten. Die Gemeinde spart Heizöl, das sie sonst teuer aus dem Ausland hätte importieren müssen. Und die Umwelt spart CO₂, weil das Methan, das früher ungenutzt in die Luft entwich, jetzt verbrannt wird.
Ein System, das Schule macht
Die Anlage in Djúpavík ist kein Einzelfall mehr. Inzwischen gibt es ähnliche Projekte in mehreren isländischen Küstendörfern. Die Regierung in Reykjavík fördert den Bau mit Zuschüssen und Beratung. Das Ziel: Bis 2030 sollen alle größeren Fischereihäfen ihre Abfälle selbst verwerten.
Einer der Betreiber in Djúpavík heißt Sigurdur Jónsson. Er ist sechzig, Fischer in dritter Generation, und er hat viel kommen und gehen sehen in seinem Dorf. Die Anlage, sagt er, sei das Beste, was Djúpavík passieren konnte, seit die Fabrik geschlossen wurde. Die Jungen, die schon wegziehen wollten, blieben plötzlich. Die Arbeit sei nicht schwer, der Lohn gut, und man tue etwas für die Umwelt. Er zeigt auf die dampfenden Rohre, die vom Generator in die Häuser führen. „Das hier“, sagt er, „ist unsere Zukunft.“
Quellen:
Isländisches Ministerium für Umwelt und natürliche Ressourcen (2025): Förderprogramm für Biogasanlagen in Küstengemeinden. Reykjavík.
Jónsson, S. (2024): Erfahrungsbericht eines Fischers und Anlagenbetreibers. Djúpavík.
Universität Island (2024): Potenzial von Fischabfällen zur Energiegewinnung – Eine Studie. Reykjavík.
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