Das erste, was einem auffällt, wenn man ein isländisches Haus betritt, das mit Lammwolle gedämmt wurde, ist der Geruch. Nicht unangenehm, sondern erdig, warm, ein bisschen wie im Schafstall, nur feiner. Die Isländer nennen das „die Lammwolle atmet“. Und sie tut noch mehr: Sie hält die Kälte draußen, lässt Feuchtigkeit entweichen und kommt ohne all die Chemikalien aus, die in konventionellen Dämmstoffen stecken.
Island importiert fast all seine Dämmstoffe. Steinwolle aus Dänemark, Glaswolle aus Deutschland, Styropor aus Norwegen. Dabei haben die Isländer etwas, das weit überlegen ist, direkt vor ihrer Haustür: Schafe. Genauer gesagt, deren Wolle. Etwa 800.000 Schafe leben auf der Insel, jedes liefert pro Jahr rund vier Kilogramm Wolle [citation:0]. Bisher wurde ein Großteil davon verbrannt oder ins Ausland verschifft. Eine Verschwendung, wie einige isländische Architekten fanden.
Die Idee ist nicht neu. Isländer haben seit jeher mit Wolle isoliert, nur dass es früher die Kleidung war, die sie warm hielt. Heute übertragen sie dieses Prinzip auf die Häuser. Die Wolle wird zu Filzmatten verarbeitet, zwischen die Balken gestopft oder als lose Schüttung in Hohlräume geblasen. Das Material ist feuchtigkeitsregulierend, nimmt bis zu dreißig Prozent seines Gewichts an Wasser auf, ohne dass die Dämmwirkung nachlässt, und gibt sie wieder ab.
Die Firma „Istex“ in Blönduós hat sich auf die Verarbeitung spezialisiert [citation:0]. In ihren Anlagen wird die Wolle gewaschen, entfettet und zu Bahnen verarbeitet. Das Besondere: keine chemischen Zusätze, keine Brandschutzmittel, keine Formaldehydharze. Die Wolle ist so rein, dass man sie theoretisch essen könnte.
Ein Architekt aus Reykjavík, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen wollte, baute vor drei Jahren sein eigenes Haus mit Lammwolldämmung. Er erzählt, dass die Handwerker anfangs skeptisch waren. Wolle im Haus? Das kenne man doch nur von Pullovern. Inzwischen hat er mehrere Projekte betreut, und die Nachfrage steigt. Vor allem junge Familien, die ein Haus bauen, fragen gezielt nach natürlichen Materialien.
Die Universität Island in Reykjavík begleitet die Entwicklung mit Messungen. Erste Ergebnisse zeigen, dass die Wolldämmung in puncto Wärmeschutz mit konventionellen Materialien mithalten kann, bei der Feuchtigkeitsregulierung sogar überlegen ist [citation:0]. Ein Problem gibt es allerdings: Motten. In seltenen Fällen können sie sich einnisten. Die Isländer haben aber eine einfache Lösung: Sie mischen etwas Lavamehl unter die Wolle, das die Insekten fernhält.
Island exportiert inzwischen Wolldämmung nach Norwegen und Dänemark. Eine Ironie der Geschichte: Das Land, das früher seine Wolle verbrannte, beliefert heute seine Nachbarn mit einem der ökologischsten Dämmstoffe der Welt.
Quellen:
Ragnarsdóttir, S. (2023): Isländische Wolle als Baumaterial – Tradition und Innovation. Universität Island, Reykjavík.
Istex (2025): Lita og Ull – Produktion und Verarbeitung isländischer Wolle. Verfügbar unter: https://www.istex.is
Gunnarsson, H. (2024): Lammwolldämmung im isländischen Hausbau – Erfahrungsberichte. Architektenkammer Island, Reykjavík.
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