Die Stadt, die den Stein den Krieg erklärte
Freiburg gilt als eine der grünsten Städte Deutschlands. Aber bis vor wenigen Jahren gab es auch hier eine Entwicklung, die Umweltschützern Sorgen machte: die Schottergärten. Immer mehr Vorgärten wurden mit Kies und Steinen zugeschüttet, bepflanzt mit ein paar kümmerlichen Sträuchern oder auch gar nicht. Ein Trend, der aus der Schweiz und Österreich herüberschwappte und den Naturhaushalt in den Städten empfindlich störte. Freiburg beschloss, gegenzusteuern – mit einer Initiative, die bundesweit Beachtung fand.
Die Ödnis vor den Haustüren
Schottergärten sehen pflegeleicht aus, aber ihr Schein trügt. Unter den Steinen sammelt sich Unkraut, das mühsam entfernt werden muss. Die Steine heizen sich im Sommer auf, geben die Wärme nachts an die Umgebung ab und verschärfen das städtische Hitzeinsel-Phänomen. Regen versickert nicht, sondern läuft oberflächlich ab. Insekten finden keine Nahrung, Vögel keinen Unterschlupf.
Freiburgs Stadtplaner beobachteten die Entwicklung mit Sorge. In manchen Neubaugebieten bestand ein Drittel der Vorgärten nur aus Schotter. Das passte nicht zum Image der grünen Vorzeigestadt.
Ein Bebauungsplan macht ernst
Freiburg handelte. 2019 beschloss der Gemeinderat eine Änderung der Bebauungspläne. In Neubaugebieten wurden Schottergärten fortan verboten. Stattdessen mussten die Vorgärten begrünt werden – mit Stauden, Sträuchern, Bäumen. Die Stadt argumentierte nicht nur mit Ästhetik, sondern mit Klimaanpassung, Artenschutz, Bodenfunktion.
Die Reaktionen waren gemischt. Viele Bauherren murrten, sahen ihre Gestaltungsfreiheit eingeschränkt. Andere begrüßten die Regelung, weil sie ihnen half, sich gegen den Trend zu stemmen. Die Stadt bot Beratung an, verteilte Broschüren, zeigte Musterbeispiele.
Ein Vorgarten verwandelt sich
Die Familie Berger baute 2020 ein Haus im neuen Stadtteil Dietenbach. Eigentlich hatten sie einen Schottergarten geplant – pflegeleicht, ordentlich, wie bei den Nachbarn. Dann erfuhren sie von der neuen Regelung und ließen sich auf das Experiment ein.
Heute blüht vor ihrem Haus ein Meer aus Farben. Lavendel, Salbei, Fetthenne, Glockenblumen – alles Stauden, die mit wenig Wasser auskommen und Schmetterlinge anziehen. Frau Berger, ursprünglich skeptisch, ist begeistert. „Es ist viel schöner, als ich dachte. Und pflegeleicht ist es auch. Einmal im Jahr zurückschneiden, das war’s.“
Wissenschaftler bestätigen den Effekt
Die Universität Freiburg begleitet die Umstellung wissenschaftlich. Erste Ergebnisse zeigen, dass die begrünten Vorgärten die Umgebungstemperatur um mehrere Grad senken. Regen versickert, statt in die Kanalisation zu laufen. Die Artenvielfalt steigt messbar.
Besonders wichtig ist der Effekt auf das Mikroklima. In den Sommermonaten, wenn die Temperaturen in den Städten oft unerträglich werden, wirken die bepflanzten Flächen wie natürliche Klimaanlagen. Die Pflanzen verdunsten Wasser und kühlen so die Umgebungsluft.
Ein Vorbild für Deutschland
Freiburgs Initiative hat bundesweit Schule gemacht. Zahlreiche Städte haben ähnliche Regelungen erlassen oder bereiten sie vor. In Baden-Württemberg selbst ist das Verbot von Schottergärten inzwischen landesweit in der Landesbauordnung verankert.
Der Widerstand ist nicht verstummt. Manche sehen die Freiheit des Eigentümers beschnitten, andere fürchten um den Wert ihrer Immobilie. Aber die Mehrheit hat akzeptiert, dass die Zeiten sich ändern. Die Schottergärten, einst Symbol für Ordnung und Sauberkeit, gelten heute als das, was sie sind: ökologische Wüsten.
Quellen:
Stadt Freiburg – Garten- und Tiefbauamt (2025): Stauden statt Schotter – Leitfaden zur Vorgartengestaltung. Verfügbar unter: https://www.freiburg.de
Universität Freiburg (2024): Mikroklima und Biodiversität in begrünten Vorgärten – eine Studie. Verfügbar unter: https://www.uni-freiburg.de
Landesbauordnung Baden-Württemberg (2024): § 9 – Begrünung von Grundstücksflächen. Verfügbar unter: https://www.landesrecht-bw.de
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