Die Wiederentdeckung der Waldintelligenz
Die Wälder Lettlands bedecken mehr als die Hälfte des Landes. Sie sind der größte Reichtum der baltischen Republik, liefern Holz für Möbel, Bau und Papier. Doch jahrzehntelang wurde dieser Schatz nach einem einfachen Prinzip bewirtschaftet: Pflanzen, wachsen lassen, kahlschlagen, wieder pflanzen. Eine Rechnung, die nicht aufging. Die Böden degradierten, die Wälder wurden anfälliger für Stürme und Schädlinge, und die Erträge sanken. Inzwischen hat ein Umdenken eingesetzt. Immer mehr Forstbetriebe setzen auf regenerative Methoden – mit überraschendem Erfolg.
Der Kahlschlag und seine stillen Folgen
Die konventionelle Forstwirtschaft in Lettland folgte lange dem Muster der industriellen Landwirtschaft. Auf großen Flächen wurden Monokulturen aus schnell wachsenden Fichten und Kiefern gepflanzt. Nach dreißig, vierzig Jahren wurde geerntet, der Boden planiert, neu gepflanzt. Dazwischen geschah nichts.
Die Folgen zeigten sich erst allmählich. Die Böden verloren an Fruchtbarkeit, wurden saurer, speicherten weniger Wasser. Die jungen Bäume wuchsen langsamer, waren anfälliger für Borkenkäfer und Pilze. Stürme warfen ganze Bestände um, weil die flachen Wurzeln in den verdichteten Böden keinen Halt fanden.
Die Forstwirte standen vor einem Rätsel. Die Erträge sanken, obwohl sie alles nach Lehrbuch machten. Erst allmählich setzte sich die Erkenntnis durch, dass der Wald mehr ist als eine Holzfabrik.
Der Wald als Organismus
Die regenerative Forstwirtschaft, die in Lettland seit etwa einem Jahrzehnt an Boden gewinnt, betrachtet den Wald als lebendiges System. Nicht der schnelle Ertrag steht im Vordergrund, sondern die Gesundheit des Ganzen. Gesunde Wälder, so die Überzeugung, liefern auf Dauer mehr Holz als kranke – und das ganz ohne künstliche Eingriffe.
Die Methoden sind vielfältig. Statt Kahlschlägen werden nur einzelne Bäume entnommen. Totholz bleibt liegen, wird zum Lebensraum für Insekten und Pilze, die den Boden beleben. Mischbaumarten ersetzen die Monokulturen. Laubbäume werden gezielt gefördert, weil sie den Boden verbessern und die Fichten vor Schädlingen schützen.
Besondere Aufmerksamkeit gilt dem Boden. In der regenerativen Forstwirtschaft wird er nicht mehr als bloßer Standort betrachtet, sondern als lebendiges Geflecht aus Pilzen, Bakterien und Kleinstlebewesen. Mykorrhiza-Pilze, die mit den Baumwurzeln in Symbiose leben, werden gezielt gefördert. Sie liefern den Bäumen Wasser und Nährstoffe und erhalten im Gegenzug Zucker aus der Photosynthese.
Ein Forstbetrieb im Osten Lettlands zeigt, was möglich ist
Die Genossenschaft „Meža Dārzs“, zu deutsch „Waldgarten“, bewirtschaftet in der Region Latgale nahe der russischen Grenze mehr als fünftausend Hektar Wald. Vor zehn Jahren stellte sie auf regenerative Methoden um. Die Leitung erntete damals Spott von den Kollegen, die weiterhin auf Kahlschlag setzten.
Heute kommen sie angereist, um zu lernen. Denn die Zahlen sprechen für sich. Der Holzertrag pro Hektar hat sich in den letzten zehn Jahren verdoppelt. Nicht, weil mehr gefällt würde, sondern weil die Bäume schneller wachsen und gesünder sind. Gleichzeitig sind die Kosten gesunken: Keine Pflanzungen auf Kahlschlägen mehr, keine teuren Schädlingsbekämpfungen, weniger Ausfälle durch Stürme.
Andris Bērziņš, der Forstingenieur der Genossenschaft, führt Besucher durch seine Wälder. Er zeigt auf Bäume unterschiedlichen Alters, die dicht nebeneinander stehen. Das sei der Schlüssel, erklärt er. Ein Wald brauche alle Generationen, genau wie eine Gesellschaft. Die Alten beschatteten den Boden und hielten die Feuchtigkeit, die Jungen wuchsen in ihrem Schutz heran.
Die Wiederkehr der Arten
Die Erfolge beschränken sich nicht auf den Holzertrag. Die Biodiversität in den Wäldern von Meža Dārzs hat sich deutlich erhöht. Vogelarten, die in den Monokulturen verschwunden waren, kehren zurück. Spechte finden wieder alte Bäume mit Höhlen. Der Luchs, in Lettland selten geworden, wurde mehrfach in den Wäldern gesichtet.
Auch die Wasserqualität hat sich verbessert. In den Wäldern der Genossenschaft entspringen mehrere Bäche, die in den Großen Ludza-See münden. Messungen zeigen, dass sie heute weniger Nährstoffe und Sedimente führen als früher. Der Wald filtert das Wasser besser, seit er nicht mehr kahlgeschlagen wird.
Lettland als Vorbild für den Norden
Die lettische Forstwirtschaft steht nicht allein mit diesem Wandel. In Schweden, Finnland und Estland gibt es ähnliche Entwicklungen. Aber nirgendwo wurde die regenerative Methode so konsequent umgesetzt wie in den Wäldern Latgales.
Die Regierung in Riga hat das Potenzial erkannt. Ein Förderprogramm unterstützt Forstbetriebe, die auf regenerative Methoden umstellen. Die Europäische Union beteiligt sich mit Mitteln aus dem Agrarfonds. Lettland, einst Vorreiter der industriellen Forstwirtschaft, könnte zum Vorbild für eine neue, klügere Art der Waldnutzung werden.
Quellen:
Lettisches Ministerium für Land- und Forstwirtschaft (2025): Regenerative Forstwirtschaft – Best Practices und Förderung. Verfügbar unter: https://www.zm.gov.lv
Genossenschaft Meža Dārzs (2025): Waldbewirtschaftung nach regenerativen Prinzipien. Verfügbar unter: https://www.mezadarzs.lv
Universität für Biowissenschaften Lettlands (2024): Bodenbiologie und Holzertrag in Mischwäldern. Verfügbar unter: https://www.lbtu.lv
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