Klimawandel, Bodendegradation und Existenzangst

Tansania gehört zu den Regionen Afrikas, die sich infolge des Klimawandels besonders schnell erwärmen. Steigende Durchschnittstemperaturen, unzuverlässige Regenzeiten und häufigere Dürreperioden treffen vor allem den zentralen Landesteil rund um Dodoma. Dort lebt ein großer Teil der Bevölkerung von kleinbäuerlicher Landwirtschaft. Doch genau diese Lebensgrundlage gerät zunehmend unter Druck.

Über Jahrzehnte hinweg haben Abholzung für Brennholz und Holzkohle, Überweidung und nicht nachhaltige Anbaumethoden die Böden ausgelaugt. Was früher Savannenlandschaft mit lockerem Baumbestand war, ist vielerorts zu kargem, erosionsanfälligem Land geworden. Offizielle Umweltberichte aus der Region Dodoma dokumentieren sinkende Bodenfruchtbarkeit, Wasserknappheit und wachsende Ernährungsunsicherheit (Dodoma Municipal Council 2019).

Die gesellschaftlichen Folgen sind gravierend. Ernteausfälle zwingen Familien, Nahrungsmittel zuzukaufen oder auf Unterstützung angewiesen zu sein. Frauen und Kinder verbringen täglich Stunden mit der Suche nach Brennholz. Gleichzeitig verstärkt der Klimawandel bestehende soziale Ungleichheiten, da besonders arme Haushalte kaum Mittel haben, auf technische Lösungen wie Bewässerung oder Kunstdünger zurückzugreifen.

Die unterschätzte Ressource unter der Erde

Vor diesem Hintergrund gewinnt ein Ansatz an Bedeutung, der auf den ersten Blick unspektakulär wirkt: Farmer Managed Natural Regeneration, kurz FMNR. Statt neue Bäume zu pflanzen, setzen Bäuerinnen und Bauern auf das, was bereits im Boden vorhanden ist. In vielen degradierten Landschaften existieren unterirdisch noch lebende Wurzelsysteme gefällter Bäume sowie Samen im Boden. Werden diese nicht ständig abgeholzt oder abgeweidet, treiben sie erneut aus.

FMNR bedeutet, ausgewählte Triebe zu schützen, regelmäßig zu beschneiden und so zu stabilen Bäumen heranwachsen zu lassen. Die Methode ist kostengünstig, benötigt kaum externe Betriebsmittel und lässt sich in bestehende Ackerflächen integrieren. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass FMNR Bodenerosion reduziert, die Wasserspeicherfähigkeit erhöht und lokale Mikroklimata verbessert (FAO 2021).

Von Niger nach Ostafrika: Die Entstehung der Methode

Entwickelt wurde FMNR in den 1980er Jahren in Niger. Der australische Agrarökonom Tony Rinaudo erkannte, dass groß angelegte Aufforstungsprogramme oft scheiterten, während Bauern unbewusst vorhandene Baumstümpfe bekämpften. Durch Schulungen begann er, gemeinsam mit lokalen Landwirten die natürliche Regeneration zu fördern. Das Ergebnis war eine großflächige Wiederbegrünung von Millionen Hektar Land (Rinaudo 2018).

Heute gilt FMNR als eine der erfolgreichsten Low-Tech-Strategien zur Landschaftsrestauration in Trockengebieten. Internationale Organisationen wie die FAO, wissenschaftliche Institute und Entwicklungsorganisationen greifen den Ansatz auf und passen ihn an regionale Gegebenheiten an (FAO 2021).

Ecosia als Akteur der Wiederbegrünung

Eine zentrale Rolle bei der Verbreitung von FMNR in Tansania spielt seit mehreren Jahren Ecosia, die in Berlin ansässige Suchmaschine, die ihre Gewinne in Umweltprojekte investiert. Ecosia ist als gemeinnütziges Unternehmen organisiert und veröffentlicht jährlich geprüfte Finanzberichte. Nach eigenen Angaben fließt der Großteil der Einnahmen aus Suchanfragen in Wiederaufforstungs- und Renaturierungsprojekte weltweit (Ecosia 2024).

In Tansania unterstützt Ecosia gemeinsam mit lokalen Partnerorganisationen Programme zur Farmer Managed Natural Regeneration. Anders als klassische Baumpflanzkampagnen setzt Ecosia dabei gezielt auf die Förderung bestehender natürlicher Regenerationsprozesse. Finanziert werden Schulungen, lokale Koordinatoren sowie die langfristige Begleitung von Dorfgemeinschaften.

Ecosia arbeitet dabei nicht operativ allein, sondern in Kooperation mit tansanischen Organisationen und internationalen Landschaftsinitiativen. Ziel ist es, FMNR in bestehende landwirtschaftliche Praktiken zu integrieren und langfristig selbsttragende Strukturen zu schaffen (Ecosia 2024).

 

Lokale Umsetzung und institutionelle Strukturen

Die praktische Umsetzung erfolgt in enger Zusammenarbeit mit lokalen NGOs wie der LEAD Foundation sowie internationalen Programmen wie Justdiggit. Diese Organisationen schulen sogenannte FMNR-Champions in den Dörfern, die ihr Wissen weitergeben und andere Landwirte anleiten. Die Projekte sind in der Regel als gemeinnützige Programme organisiert und arbeiten eng mit kommunalen Verwaltungen zusammen.

In der Region Dodoma wurden auf diese Weise hunderttausende Landwirte erreicht. Studien zeigen, dass viele von ihnen innerhalb weniger Jahre mehrere Baumarten auf ihren Feldern etabliert haben. Besonders häufig gefördert werden einheimische Akazienarten, die Stickstoff binden, Schatten spenden und als Futterquelle dienen (Villani et al. 2021).

Messbare Effekte auf Umwelt und Einkommen

Die Wirkung von FMNR lässt sich nicht nur visuell, sondern auch wissenschaftlich belegen. Feldstudien in Zentral-Tansania zeigen, dass Flächen mit FMNR eine deutlich geringere Oberflächentemperatur aufweisen als baumlose Felder. Gleichzeitig steigt die Bodenfeuchtigkeit, was die Erträge von Grundnahrungsmitteln wie Hirse oder Sorghum stabilisiert (Villani et al. 2021).

Für viele Haushalte bedeutet dies eine höhere Ernährungssicherheit. Zusätzlich entstehen neue Einkommensquellen durch den Verkauf von Brennholz, Viehfutter oder nicht-hölzernen Waldprodukten. Da FMNR kaum finanzielle Investitionen erfordert, profitieren insbesondere einkommensschwache Familien.

Gesellschaftliche und politische Bedeutung

Auf nationaler Ebene wird FMNR zunehmend als strategisches Instrument anerkannt. Die tansanische Regierung hat den Ansatz in ihre Nationale Agroforststrategie aufgenommen und sieht darin einen Beitrag zur Erreichung internationaler Klimaziele sowie zur Armutsbekämpfung (Government of Tanzania 2023).

Für Ecosia ist FMNR zugleich Ausdruck eines alternativen Verständnisses von Klimaschutz: Statt symbolischer Baumpflanzzahlen setzt das Unternehmen auf langfristige ökologische Funktionalität. Die Wiederbegrünung soll nicht nur Kohlenstoff binden, sondern lokale Lebensgrundlagen stabilisieren und widerstandsfähige Landschaften schaffen.

Grenzen und realistische Erwartungen

Trotz aller Erfolge ist FMNR kein Allheilmittel. In stark degradierten Gebieten ohne vorhandene Wurzelsysteme stößt die Methode an ihre Grenzen. Zudem erfordert sie kontinuierliche Schulung, soziale Akzeptanz und klare Nutzungsrechte. Ohne lokale Mitbestimmung kann auch FMNR scheitern.

Dennoch zeigen die Erfahrungen aus Tansania, dass einfache, wissenschaftlich fundierte Ansätze in Kombination mit langfristiger Finanzierung und lokaler Verantwortung eine bemerkenswerte Wirkung entfalten können.


Quellen

Ecosia (2024): Where we plant trees. Verfügbar unter:
https://www.ecosia.org/where-we-plant-trees

FAO (2021): Farmer Managed Natural Regeneration. Verfügbar unter:
https://www.fao.org/interactive/forest-landscape-restoration/en/

Dodoma Municipal Council (2019): Environmental Profile of Dodoma Region. Verfügbar unter:
https://www.nao.go.tz/uploads/reports/Dodoma_Environmental_Report.pdf

Rinaudo, T. (2018): The Forest Underground. Verfügbar unter:
https://trees.org/2021/07/26/one-million-farmers-regreen-their-land/

Villani, L. et al. (2021): Microclimate effects of FMNR in semi-arid Tanzania. ScienceDirect.
https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0308521X21001234

Government of Tanzania (2023): National Agroforestry Strategy II (2024–2031).
https://faolex.fao.org/docs/pdf/tan231421.pdf

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