Die Hänge Frankens sind steil. An ihnen wachsen Reben, so weit das Auge reicht, und unter ihnen liegt der beste Boden, den man sich vorstellen kann: tiefgründig, warm, kalkhaltig. Aber der Boden hat einen Feind. Den Regen. Wenn im Herbst die Reben ihre Blätter verlieren, wenn der Boden offen liegt, dann wäscht der Regen die feinen Teilchen weg, trägt sie talwärts, lässt sie in den Bächen verschwinden. Die Winzer nennen das Erosion, und sie kämpfen dagegen an.
Ein Winzer probiert etwas Neues
Martin Stumpf bewirtschaftet seine Reben in der Nähe von Würzburg, dort, wo der Main eine Schleife zieht und die Hänge am steilsten sind. Früher ließ er den Boden im Winter offen, wie alle anderen auch. Aber er sah, wie die Erde wegging, jedes Jahr ein paar Millimeter, und rechnete aus, dass in fünfzig Jahren nichts mehr übrig sein würde.
Er begann zu experimentieren. Im Herbst, nach der Lese, säte er Getreide aus, Roggen und Hafer, nicht um zu ernten, sondern um den Boden zu bedecken. Das Getreide wuchs schnell, bildete dichte Bestände, hielt die Erde fest. Im Frühjahr, vor dem Austrieb der Reben, hackte er es unter, wo es verrottete und den Boden düngte.
Die Wissenschaft kommt ins Spiel
Die Bayerische Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau in Veitshöchheim hörte von Stumpfs Experimenten und begann, sie wissenschaftlich zu begleiten. Auf mehreren Versuchsflächen wurde der Bodenabtrag gemessen, die Bodenfeuchte, die Nährstoffgehalte. Die Ergebnisse waren eindeutig: Auf den Flächen mit Wintergetreide ging bis zu achtzig Prozent weniger Boden verloren. Der Humusgehalt stieg, die Reben waren gesünder, die Erträge stabiler.
Besonders wichtig sei der Effekt auf die Bodenstruktur, sagt Dr. Klaus Müller, der die Studie leitete. Das Getreide lockere mit seinen Wurzeln die Erde, schaffe Hohlräume, in denen das Wasser versickern könne. Die Reben profitierten davon, weil sie tiefer wurzeln könnten und auch in Trockenperioden genug Wasser fänden.
Ein Modell für den Weinbau
Stumpf hat inzwischen Nachahmer gefunden. In Franken, aber auch in Rheinhessen, in der Pfalz, in Baden, säen Winzer im Herbst Getreide aus, um ihre Böden zu schützen. Manche experimentieren mit anderen Pflanzen, mit Klee, mit Senf, mit Ölrettich. Die Landesanstalt hat eine Liste empfohlener Arten veröffentlicht und berät Winzer, die umstellen wollen.
Die Kosten sind gering, der Nutzen groß. Das Saatgut kostet nicht viel, die Arbeit ist schnell erledigt, und die Wirkung ist sofort sichtbar. Stumpf sagt, er würde nie mehr auf das Wintergetreide verzichten. Es sei die einfachste und billigste Versicherung, die er für seinen Boden habe.
Quellen:
Bayerische Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau (2025): Wintergetreide als Erosionsschutz im Weinbau – Forschungsergebnisse. Veitshöchheim.
Stumpf, M. (2024): Erfahrungen eines fränkischen Winzers mit Zwischenfruchtanbau. Würzburg.
Müller, K. (2025): Boden und Rebe – Wechselwirkungen und Management. Veitshöchheim.
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