Die Bäume stehen da, wie sie gewachsen sind. Keiner hat sie in Reih und Glied gepflanzt, keiner hat sie geschnitten, damit sie mehr tragen. Sie sind alt, knorrig, voller Moos und Flechten. Apfel, Birne, Zwetschge, manchmal eine Walnuss dazwischen. Darunter Gras, Blumen, Kräuter. Die Streuobstwiesen Frankens sind ein Paradies. Für Insekten, für Vögel, für Menschen, die wissen, was gut ist.
Der Niedergang einer Landschaft
Nach dem Krieg gab es in Franken Hunderttausende solcher Bäume. Jedes Dorf hatte seine Wiesen, jedes Anwesen seine Obstbäume. Dann kam die Flurbereinigung, die Rationalisierung, der Supermarkt. Die Äpfel aus dem Ausland waren billiger, die Wiesen wurden zu Acker, die Bäume gefällt. In den achtziger Jahren waren neunzig Prozent der Streuobstwiesen verschwunden.
Was übrig blieb, war oft zufällig da, wo es sich nicht lohnte, zu roden. An Hängen, in feuchten Senken, auf schlechtem Boden. Die Bäume überlebten, aber niemand kümmerte sich. Sie verwilderten, vergreisten, starben.
Eine Initiative greift ein
In den 1990er Jahren begannen einige engagierte Menschen in Franken, sich für die alten Wiesen zu interessieren. Sie erkannten, dass hier nicht nur Obstbäume standen, sondern ein ganzer Lebensraum. In den Höhlen der alten Bäume nisteten Spechte, in den Wiesen blühten Orchideen, in den Hecken sangen Nachtigallen.
Sie gründeten den „Streuobstpakt Franken“, ein Bündnis aus Kommunen, Naturschutzverbänden und Landwirten. Das Ziel: Die verbliebenen Wiesen zu schützen, neue zu pflanzen, altes Wissen zu bewahren.
Ein Obstbauer erzählt
Georg Stahl bewirtschaftet seit vierzig Jahren eine Streuobstwiese bei Höchstadt an der Aisch. Früher, sagt er, habe er die Bäume nur als Last empfunden. Sie brachten wenig Geld, machten viel Arbeit. Heute weiß er es besser. Er hat gelernt, dass die alten Sorten etwas Besonderes sind. Sie schmecken anders, sind resistenter, brauchen keine Spritzmittel.
Stahl hat inzwischen über zweihundert Bäume auf seiner Wiese. Fünfzig verschiedene Apfelsorten, dazu Birnen, Zwetschgen, Kirschen. Im Herbst kommt er aus dem Mosten nicht heraus. Sein Apfelsaft wird in der ganzen Region verkauft, zu Preisen, die weit über dem liegen, was der Supermarkt zahlt. Die Leute, sagt Stahl, wollen wieder wissen, woher das Obst kommt.
Die Wissenschaft misst nach
Die Universität Erlangen-Nürnberg hat die Artenvielfalt auf den fränkischen Streuobstwiesen untersucht. Die Ergebnisse sind beeindruckend. Auf einer einzigen Wiese wurden über tausend Insektenarten gezählt, viele davon selten. Siebzig Vogelarten nisten in den Bäumen und Hecken. Fledermäuse jagen zwischen den Kronen. Igel, Siebenschläfer, Mäuse finden Unterschlupf.
Die Forscher empfehlen, die Wiesen weiter zu schützen und zu fördern. Sie seien nicht nur ein Stück Kulturgeschichte, sondern ein unverzichtbarer Teil der Biodiversität. Ohne sie, so die Studie, würden viele Arten aus Franken verschwinden.
Ein Modell für Bayern
Der Streuobstpakt Franken hat inzwischen Nachahmer in ganz Bayern gefunden. Die Landesregierung hat ein Förderprogramm aufgelegt, das die Pflege alter Wiesen und die Pflanzung neuer Bäume unterstützt. Das Ziel: Bis 2030 sollen eine Million neue Obstbäume in Bayern stehen.
Die Bäume wachsen langsam. Wer heute pflanzt, wird erst in zehn Jahren ernten. Aber die Menschen in Franken haben Geduld gelernt. Sie wissen, dass manches seine Zeit braucht.
Quellen:
Streuobstpakt Franken (2025): Jahresbericht und Bestandsaufnahme. Nürnberg.
Universität Erlangen-Nürnberg (2024): Biodiversität auf fränkischen Streuobstwiesen – Eine Bestandsaufnahme. Erlangen.
Stahl, G. (2024): Vierzig Jahre mit alten Obstsorten – Erfahrungen eines fränkischen Bauern. Höchstadt.
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