Pilzgeflecht als natürliche Pestizide in deutschen Biofeldern [Deutschland]

Die Winzer an der Ahr kennen den Mehltau. Er kommt in feuchten Jahren, überzieht die Blätter mit einem weißen Belag, lässt die Trauben platzen, vernichtet die Ernte. Jahrzehntelang wurde er mit Schwefel bekämpft, mit Kupfer, mit chemischen Mitteln, die nicht immer halfen und die Umwelt belasteten. Jetzt, in einigen Weinbergen, setzen die Winzer auf Pilze.

Ein unsichtbarer Verbündeter

Trichoderma heißt der Pilz, unscheinbar, mikroskopisch klein, aber mit erstaunlichen Fähigkeiten. Er besiedelt die Wurzeln der Reben, bildet ein dichtes Geflecht, das die Pflanzen stärkt und gleichzeitig die schädlichen Pilze abwehrt. Er produziert Antibiotika, die den Mehltau töten, und Enzyme, die seine Sporen auflösen.

Die Forschung dazu läuft schon lange, aber erst in den letzten Jahren ist es gelungen, den Pilz in größeren Mengen zu züchten und auf die Felder zu bringen. Das Julius Kühn-Institut in Braunschweig hat eine Methode entwickelt, mit der die Sporen in Wasser gelöst und versprüht werden können. Die Winzer können ihre bestehenden Spritzen verwenden, müssen nur das Mittel wechseln.

Ein Winzer probiert es aus

Klaus Möhler bewirtschaftet einen Weinberg an der Ahr, steile Hänge, alte Reben, mühsame Handarbeit. Früher hat er gespritzt, was das Zeug hielt, gegen Mehltau, gegen Fäulnis, gegen alles. Seine Reben waren gesund, aber er spürte, dass etwas nicht stimmte. Der Boden wurde leblos, die Regenwürmer verschwanden, die Vögel mieden seine Weinberge.

Dann hörte er von dem Trichoderma-Projekt und meldete sich für einen Versuch an. Er ließ eine Fläche mit dem Pilz behandeln, eine andere mit den üblichen Mitteln. Der Unterschied war verblüffend. Die Pilz-Fläche war genauso gesund wie die andere, aber der Boden fühlte sich anders an. Lebendiger, weicher, voller Regenwürmer.

Heute setzt Möhler nur noch auf Trichoderma. Seine Erträge sind stabil, die Qualität gut, und er hat das Gefühl, etwas richtig zu machen. Die Vögel, sagt er, sind zurückgekommen.

Die Wissenschaft bestätigt

Das Julius Kühn-Institut hat die Versuche wissenschaftlich begleitet. Die Ergebnisse, veröffentlicht 2024, zeigen, dass Trichoderma genauso wirksam ist wie chemische Mittel, aber ohne deren Nebenwirkungen. Der Pilz bleibt im Boden, vermehrt sich, schützt die Reben über Jahre. Die chemischen Mittel dagegen müssen immer wieder neu ausgebracht werden.

Besonders wichtig sei die Wirkung auf das Bodenleben, sagt Dr. Annegret Schmitt, die die Studie leitete. Der Pilz fördere die Mykorrhiza, jene Pilze, die mit den Wurzeln in Symbiose leben und den Pflanzen Wasser und Nährstoffe liefern. Der Boden werde gesünder, die Pflanzen widerstandsfähiger, der Winzer unabhängiger von Chemie.

Ein Modell für den Ökolandbau

Das Trichoderma-Verfahren ist nicht auf Weinberge beschränkt. Es funktioniert auch bei Erdbeeren, Tomaten, Gurken, bei allen Pflanzen, die unter Pilzbefall leiden. Im Ökolandbau, wo chemische Mittel verboten sind, könnte es eine Revolution auslösen.

Möhler sagt, er bereue nichts. Die Umstellung war einfach, die Kosten sind geringer, die Ergebnisse besser. Und wenn er durch seine Weinberge geht, den weichen Boden unter den Füßen spürt und die Vögel hört, weiß er, dass er den richtigen Weg gewählt hat.


Quellen:

Julius Kühn-Institut (2024): Trichoderma als biologisches Pflanzenschutzmittel im Weinbau. Braunschweig.

Möhler, K. (2024): Erfahrungen eines Winzers mit Pilz-Pestiziden an der Ahr. Mayschoß.

Schmitt, A. (2025): Biologischer Pflanzenschutz – Stand und Perspektiven. Julius Kühn-Institut.

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