Peer-to-Peer-Stromnetz in Brooklyn

Es ist ein gewöhnliches Haus in einer gewöhnlichen Straße im New Yorker Stadtteil Brooklyn. Ziegelrot, drei Stockwerke, eine kleine Treppe zur Eingangstür. Doch auf dem Dach glitzern Solarmodule in der Sonne. Und im Keller surrt leise ein Gerät, das aussieht wie ein silberner Kasten mit vielen Lämpchen. Es ist die Zukunft der Energieversorgung.

Das Projekt heißt Brooklyn Microgrid und ist eines der ersten Peer-to-Peer-Stromnetze der Welt. Die Idee: Nachbarn produzieren Solarstrom auf ihren Dächern und verkaufen ihn direkt an andere Nachbarn – ohne Umweg über den großen Energieversorger. Möglich macht das die Blockchain-Technologie, die jede Transaktion sicher und transparent dokumentiert (Bloomberg 2017).

Stromhandel auf Augenhöhe

Die Funktionsweise ist simpel. Jedes Haus mit Solaranlage ist mit einem intelligenten Zähler ausgestattet, der erfasst, wie viel Strom produziert und wie viel verbraucht wird. Überschüssige Energie wird automatisch ins Netz eingespeist. Über eine App können die Bewohner festlegen, zu welchem Preis sie ihren Strom verkaufen wollen – und wer ihn kaufen darf. Die Blockchain sorgt dafür, dass jede Kilowattstunde genau dem richtigen Käufer zugeordnet wird und alle Zahlungen automatisch ablaufen.

Scott, ein 58-jähriger Grafikdesigner, der seit zehn Jahren in Brooklyn lebt, war einer der Ersten, die mitmachten. „Ich habe schon lange über Solarenergie nachgedacht“, sagt er. „Aber die Einspeisevergütung war lächerlich. Jetzt verkaufe ich meinen Strom an meine Nachbarn. Das fühlt sich einfach besser an.“

Die Käufer sind oft Menschen, die keine eigenen Solarmodule installieren können – weil sie zur Miete wohnen oder ihr Dach nicht geeignet ist. Für sie ist das Angebot attraktiv: Der Strom aus der Nachbarschaft ist nicht nur grün, sondern oft auch günstiger als der vom großen Versorger.

Ein Modell für die Stadt von morgen

Das Brooklyn Microgrid entstand aus einer Kooperation des Start-ups LO3 Energy mit dem Blockchain-Unternehmen ConsenSys (Bloomberg 2017). Was als kleines Pilotprojekt mit wenigen Dutzend Haushalten begann, hat sich inzwischen zu einem Modell entwickelt, das weltweit Nachahmer findet. In Australien, Deutschland und Japan entstehen ähnliche Projekte.

Die Vorteile liegen auf der Hand. Lokale Stromnetze sind robuster als zentrale. Bei einem Blackout können sie autark weiterlaufen. Sie fördern den Ausbau erneuerbarer Energien, weil sich Investitionen in Solaranlagen schneller rechnen. Und sie stärken die Gemeinschaft: Wer Strom miteinander teilt, redet auch miteinander.

Doch es gibt auch Hürden. Die Regulierungsbehörden müssen erst lernen, mit der neuen Technologie umzugehen. Die großen Energieversorger sehen ihre Geschäftsmodelle bedroht. Und die Blockchain-Technologie ist noch immer komplex und energiehungrig.

Trotzdem ist die Begeisterung in Brooklyn ungebrochen. Bei einem Straßenfest im Sommer treffen sich die Mitglieder des Microgrids zum Grillen. Jeder hat etwas mitgebracht, die Kinder spielen auf der Straße, die Erwachsenen reden über Strompreise und Solarerträge. Irgendjemand hat einen Kuchen gebacken, verziert mit einem kleinen Solarpanel aus Zuckerguss. Es ist nur ein Kuchen. Aber er steht für etwas Größeres: eine Welt, in der Energie nicht von Konzernen kommt, sondern von Nachbarn.


Quellen:

Bloomberg (2017): This Blockchain-Based Energy Grid Could Transform the Power Industry. URL: https://www.bloomberg.com/news/features/2017-05-09/this-blockchain-based-energy-grid-could-transform-the-power-industry

LO3 Energy (2017): Brooklyn Microgrid: A Case Study. URL: https://lo3energy.com/case-studies/

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