Die Fischer von der Insel Vanua Levu erinnern sich noch an die Zeit, als sie immer weiter hinausfahren mussten. Die Boote wurden größer, der Sprit teurer, die Fänge kleiner. Die Riffe vor ihrer Küste, einst voller Leben, waren leer gefischt. Die Ältesten im Dorf erzählten von Zeiten, in denen man nur eine Stunde zu rudern brauchte, um genug für die ganze Familie zu haben. Ihre Enkel hielten das für Märchen.
Heute, zwanzig Jahre später, sind die Märchen wieder wahr geworden. Die Dörfer an der Küste von Vanua Levu haben etwas geschafft, wovon viele nur träumen: Sie haben ihre Riffe zurückgebracht. Und nicht nur das. Die Fänge sind heute dreimal so hoch wie vor der Schutzzone, und die Fischer müssen wieder nur eine Stunde fahren.
Ein Tabu wird wiederbelebt
Die Idee kam von den Ältesten selbst. Sie erinnerten sich an eine alte Tradition, das „Tabu“, ein Gebiet, das für eine bestimmte Zeit nicht befischt werden durfte. Früher wurde das aus religiösen Gründen gemacht, heute kann man es wissenschaftlich erklären: Wenn man den Fischen Zeit lässt, sich zu vermehren, werden es mehr.
Mit Hilfe der Nichtregierungsorganisation „WWF Pacific“ richteten die Dörfer von Vanua Levu 2015 eine Meeresschutzzone ein. Keine große Sache, nur ein paar Quadratkilometer Riff, die für fünf Jahre komplett gesperrt wurden. Kein Fischfang, keine Korallenernte, nichts. Die Fischer mussten ausweichen, weiter rausfahren, mehr Sprit bezahlen. Viele murrten, aber die Ältesten hielten an dem Projekt fest.
Das Wunder von Vanua Levu
Als die fünf Jahre um waren, schickten die Dörfer ihre besten Taucher los. Was sie sahen, übertraf alle Erwartungen. Die Korallen, vorher blass und abgestorben, leuchteten in allen Farben. Zwischen ihnen schwammen Fische in solchen Mengen, dass die Taucher kaum durchsehen konnten. Große Zackenbarsche, die seit Jahren nicht mehr gesichtet worden waren, standen träge in ihren Höhlen. Papageifische knabberten an den Korallen, und Schwärme von Fusilieren zogen vorbei wie silbrige Wolken.
Die Wissenschaftler der University of the South Pacific in Suva kamen, um zu zählen. Ihre Ergebnisse, veröffentlicht 2022, waren atemberaubend: In der Schutzzone hatte sich die Biomasse der Fische verdreifacht. Nicht nur das: Auch außerhalb der Zone, in den angrenzenden Gebieten, stiegen die Fänge, weil die ausgewachsenen Fische abwanderten.
Ein Fischer erzählt
Jone Ravai ist fünfundfünfzig und fischt, seit er zwölf war. Er erinnert sich an seinen Großvater, der ihm die Plätze zeigte, an denen die Großen standen. Als junger Mann erlebte er den Niedergang, sah, wie die Riffe starben, wie die Fische weniger wurden. Als die Ältesten das Tabu vorschlugen, war er skeptisch. Fünf Jahre ohne Fisch aus dem besten Riff, das schmerzte.
Heute ist er einer der lautstärksten Befürworter. Er zeigt auf seinen Auslegerkanu, das mit Fischen gefüllt ist, nach nur zwei Stunden auf dem Wasser. „Früher“, sagt er, „hätte ich dafür zwei Tage gebraucht.“ Seine Söhne, die schon überlegten, in die Stadt zu gehen, bleiben jetzt im Dorf. Vom Fischfang lässt sich wieder leben.
Ein Modell für den Pazifik
Das Beispiel von Vanua Levu hat Schule gemacht. In ganz Fidschi, aber auch auf den Salomonen, in Papua-Neuguinea und in Französisch-Polynesien richten Dörfer ähnliche Tabu-Zonen ein. Die Regierung in Suva hat das Konzept in ihre nationale Fischereistrategie aufgenommen. Ein Gesetz erlaubt es den Dörfern, eigene Schutzzonen einzurichten, solange sie sich an wissenschaftliche Kriterien halten.
Die Wissenschaftler der University of the South Pacific begleiten die Projekte mit Langzeitstudien. Ihre Botschaft ist einfach: Schutz zahlt sich aus. Nicht in Jahrzehnten, sondern in Jahren. Wer den Fischen Zeit gibt, bekommt mehr zurück, als er je genommen hat.
Quellen:
University of the South Pacific (2022): Marine Protected Areas and Fisheries Recovery in Fiji – A Ten-Year Study. Suva.
WWF Pacific (2025): Community-Based Marine Conservation in Vanua Levu – Jahresbericht. Suva.
Ravai, J. (2024): Erfahrungen eines Fischers aus Vanua Levu. Oral History Project, Universität des Südpazifik.
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