Als die Bäume zu Deichen wurden
Als der Taifun Damrey 2017 über die Küste Vietnams hinwegfegte, geschah etwas Unerwartetes. In manchen Dörfern blieben die Schäden vergleichsweise gering, während Nachbarorte verwüstet wurden. Die Erklärung fanden die Behörden in den Wäldern – genauer gesagt: in denen, die noch standen. Mangroven und Küstenwälder hatten die Wucht der Wellen gebrochen, die Winde abgeschwächt, die Häuser geschützt. Eine Lektion, die Vietnam nicht vergessen hat.
Ein Land im Fadenkreuz der Stürme
Vietnam gehört zu den am stärksten von Taifunen bedrohten Ländern der Welt. Jedes Jahr ziehen mehrere Wirbelstürme über die lange Küste des Landes, immer heftiger werdend, eine Folge des Klimawandels. Die Schäden sind enorm: Todesopfer, zerstörte Häuser, überflutete Felder, versalzte Böden.
Jahrzehntelang hatte Vietnam seine Küstenwälder vernachlässigt. Mangroven wurden gerodet, um Platz für Aquakulturen zu schaffen. Küstenwälder fielen der Holzwirtschaft zum Opfer. Die Menschen wussten nicht, welchen Schutz sie damit verloren. Bis Damrey kam.
Der Wiederaufbau beginnt im Boden
Nach dem Taifun änderte die Regierung ihre Strategie. Ein nationales Programm zur Wiederaufforstung der Küsten wurde aufgelegt, finanziert mit Mitteln aus dem Staatshaushalt und unterstützt von internationalen Organisationen wie der Weltbank und der Asiatischen Entwicklungsbank.
Die Pflanzungen folgen einem klaren Plan. Mangroven, die mit ihren verflochtenen Wurzeln die Wellen brechen und den Boden festigen, werden an der vordersten Linie gepflanzt. Dahinter folgen Casuarinen, auch Seescheiden genannt, deren dichte Kronen die Winde abschwächen. Weiter landeinwärts mischen sich einheimische Harthölzer darunter, die zusätzlichen Schutz bieten.
Ein Dorf, das sich gerettet hat
Das Dorf Thai Doi in der Provinz Quang Binh lag früher direkt am Meer. Die Bewohner lebten vom Fischfang, aber jeder Taifun bedeutete Angst und Schrecken. 2013 hatte ein Sturm die Hälfte der Häuser zerstört. Dann beteiligte sich das Dorf an dem Aufforstungsprogramm.
Die Männer pflanzten Mangroven auf einer Fläche von fünfzig Hektar vor der Küste. Die Frauen zogen die Setzlinge in einer gemeinsamen Baumschule auf. Drei Jahre später, als der nächste Taifun kam, geschah etwas, das die Ältesten des Dorfes nie für möglich gehalten hätten. Die Welle, die früher ungebremst auf die Häuser getroffen wäre, verlor ihre Kraft in den Wurzeln der jungen Bäume. Der Wind, der die Dächer abzudecken pflegte, wurde von den Casuarinen gebrochen. Das Dorf blieb weitgehend verschont.
Mehr als nur Schutz
Die Küstenwälder leisten mehr, als nur Stürme abzuwehren. Ihre Wurzeln filtern Schadstoffe aus dem Wasser, verbessern die Wasserqualität und bieten Lebensraum für Fische, Krabben und Garnelen. Die Fischer von Thai Doi berichten, dass ihre Fänge zugenommen haben, seit die Mangroven wieder wachsen.
Die Bäume binden zudem große Mengen Kohlenstoff. Mangroven speichern pro Hektar bis zu viermal mehr CO₂ als tropische Regenwälder. Die Wiederaufforstung ist damit nicht nur Anpassung an den Klimawandel, sondern auch aktiver Klimaschutz.
Vietnams Küstenaufforstung hat international Beachtung gefunden. In Bangladesh, Myanmar und auf den Philippinen gibt es ähnliche Programme. Die Weltbank fördert den Austausch zwischen den Ländern, damit die Erfahrungen weitergegeben werden.
Die vietnamesische Regierung hat ihr Programm ausgeweitet. Bis 2030 sollen weitere zwanzigtausend Hektar Küstenwald gepflanzt werden. Die Dörfer an der Küste, einst die verletzlichsten des Landes, werden zu den widerstandsfähigsten.
Quellen:
Vietnamesisches Ministerium für Landwirtschaft und ländliche Entwicklung (2025): Nationales Programm zur Küstenaufforstung – Fortschrittsbericht. Verfügbar unter: https://www.mard.gov.vn
Weltbank (2024): Mangroven und Küstenschutz in Vietnam. Verfügbar unter: https://www.worldbank.org
Asiatische Entwicklungsbank (2024): Climate resilience through coastal forestry in Southeast Asia. Verfügbar unter: https://www.adb.org
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