Manchmal muss man die Dinge von oben betrachten. In Seoul, einer Stadt, die sich über Hügel und Täler erstreckt, bietet sich dieser Blick von den vielen Bergen, die das Stadtgebiet durchziehen. Was man dann sieht, ist ein graues Meer aus Beton, unterbrochen von winzigen grünen Inseln – Parks, die längst nicht ausreichen, um zwanzig Millionen Menschen zu kühlen. Doch in den letzten Jahren hat sich das Bild verändert. Immer mehr dieser grauen Flecken tragen grüne Tupfer. Die Dächer der Stadt beginnen zu blühen.
Ein Programm, das Geschichte schrieb
Das „Green Roof Project“ der Stadt Seoul startete 2002, in einer Zeit, als der Klimawandel für die meisten Menschen noch ein abstraktes Konzept war. Die Sommer wurden heißer, die Zahl der Hitzetoten stieg, und die Stadtverwaltung suchte nach Lösungen, die nicht Millionen verschlangen (Financial Tribune 2018). Ein Beamter namens Bang Seong-Weon hatte die entscheidende Idee: „Wir brauchen mehr Grün, aber wir haben kein Geld, um Land für Parks zu kaufen. Wenn wir die Dächer begrünen, ist das Grundstückspreis-Problem gelöst“ (Financial Tribune 2018).
Die Stadt begann, Zuschüsse zu zahlen – bis zu fünfzig Prozent der Kosten, manchmal mehr. Das Geld kam aus dem Stadtsäckel, und die Bedingung war einfach: Die Gärten mussten gepflegt und innerhalb von fünf Jahren für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden (Financial Tribune 2018).
Ein Dachgarten als Verkaufsargument
Die Firma Inter-M Corp. in Nord-Seoul war eine der ersten, die mitmachte. Das Unternehmen stellt Rundfunk- und Audiogeräte her und residierte in einem grauen, unscheinbaren Siebenstöcker. 2013 ließen sie ihr Dach begrünen. 450 Quadratmeter, Azaleen, Lilien, Ahornbäume, Kräuter und zwei kleine Pavillons. Die Kosten lagen bei umgerechnet etwa 100.000 Dollar, die Hälfte zahlte die Stadt (Financial Tribune 2018).
Der Firmensprecher Bae Seung-San erzählt, dass die Mitarbeiter das Dach inzwischen zum Entspannen nutzen. In der Mittagspause sitzen sie im Schatten der Ahornbäume, essen ihre Lunchpakete und schauen auf die Stadt. Sogar Kunden werden aufs Dach geführt, als Teil der Verkaufsgespräche. Ein grünes Dach, so die Botschaft, steht für ein Unternehmen, das an die Zukunft denkt.
Das größte Projekt dieser Art ist „Garden 5“, eine Dachgartenanlage auf vier zehnstöckigen Gebäuden, verbunden durch Skywalks, mit einer Gesamtfläche von drei Fußballfeldern (Financial Tribune 2018). Entstanden ist ein Park in der Luft, mit Bäumen, Büschen und Wegen, der weit über die Stadtgrenzen hinaus Aufsehen erregte.
Mehr als nur schön
Die Wissenschaft hat sich des Phänomens angenommen. Das koreanische Forschungsinstitut für Bauwesen und Bautechnologie untersuchte vier Gründächer in Seoul auf ihre Klimawirkung – darunter das Nebengebäude des Bezirksamts Gangnam-gu, das Hauptgebäude desselben Bezirks, das Bezirksamt Seongdong-gu und das Sport- und Kulturzentrum Imun (Cho & Kim 2025). Die Ergebnisse, veröffentlicht 2025, zeigen ein differenziertes Bild.
An drei der vier Standorte wurde eine Netto-Kohlenstoffreduktion gemessen, die die Rolle der Gründächer bei der Eindämmung des Klimawandels bestätigt (Cho & Kim 2025). Allerdings zeigte sich auch, dass die Wirkung von vielen Faktoren abhängt – der Art der Bepflanzung, der Bodenzusammensetzung, der Pflege. Am Standort Gangnam-gu überstieg die Bodenatmung die Kohlenstoffaufnahme der Pflanzen, was zu einer Netto-Emission führte. Die Forscher erklären das mit mikrobieller Aktivität, Bodenfeuchte und Wurzelverteilung (Cho & Kim 2025).
Eine andere Studie, die in Suwon, einer dicht besiedelten Nachbarstadt Seouls, durchgeführt wurde, untersuchte die Wirkung auf die Vogelwelt. Die Forscher fanden heraus, dass die Effizienz der Lebensraumerweiterung für Meisen, eine häufige Vogelart, stark von der Art der Bepflanzung und der Gebäudetypologie abhing. Bei Gewerbegebäuden konnte die geeignete Habitatfläche um fast 1200 Prozent gesteigert werden, bei öffentlichen Gebäuden nur um 115 Prozent (Kim et al. 2023). Die Studie empfiehlt, bei der Planung von Gründächern gezielt auf die Bedürfnisse der lokalen Tierwelt zu achten.
Ein Modell für Megastädte
Seoul hat inzwischen über 650 Gebäude mit Gründächern ausgestattet, gefördert mit mehr als 60 Milliarden Won, umgerechnet etwa 57 Millionen Dollar (Financial Tribune 2018). Die Stadt hat das Programm immer weiterentwickelt, neue Förderrichtlinien erlassen, Forschung betrieben und Erfahrungen gesammelt. Die Sommer werden nicht kühler, aber die Stadt wird es.
Besucher aus Singapur, Tokio, Mexiko-Stadt kommen nach Seoul, um zu lernen. Sie treffen sich mit Bang Seong-Weon, dem Beamten, der die Idee hatte, und mit den Hausbesitzern, die ihre Dächer in Gärten verwandelten. Sie sehen, dass eine der dichtesten Städte der Welt einen Weg gefunden hat, grüner zu werden, ohne einen Quadratmeter neuen Bodens zu versiegeln.
Quellen:
Cho, J. & Kim, H. (2025): Monitoring the Carbon Reduction Effects of Urban Green Roofs. Korea Institute of Civil Engineering and Building Technology, Seoul.
Financial Tribune (2018): Seoul Elevates Gardening to High Art. Verfügbar unter: https://financialtribune.com/articles/art-and-culture/18047/seoul-elevates-gardening-to-high-art
Kim, M. et al. (2023): Analyzing the Efficiency of Increasing Suitable Habitat Area for Paridae by Roof Greening Method Based on Building Type: Case Study of Suwon City, Republic of Korea. Sensors and Materials, 35(1), 123-145.
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