Der Geruch von Gülle gehört zum Landleben wie das Krähen der Hähne. Aber was da aus den Ställen quillt, ist längst mehr als nur ein lästiger Gestank – es ist ein milliardenschweres Umweltproblem. In den Regionen mit intensiver Tierhaltung fällt so viel Mist und Gülle an, dass die Änder ihn kaum noch aufnehmen können. Das Grundwasser ist vielerorts belastet, die Luft mit Ammoniak, und die Politik droht mit Strafzahlungen aus Brüssel.
Doch in Osnabrück wächst eine ungewöhnliche Lösung heran. Sie ist grün, schwimmt auf dem Wasser und wird meist als lästiges Unkraut abgetan: die Wasserlinse.
Wenn der Stickstoffkreislauf aus dem Ruder läuft
Die Zahlen sind atemberaubend. Rund 200 Millionen Tonnen Gülle produziert die deutsche Landwirtschaft jedes Jahr. Besonders im Nordwesten, in den Hochburgen der Schweine- und Geflügelmast, ist die Dichte so hoch, dass die eigenen Felder bei weitem nicht ausreichen, um die Nährstoffe wieder aufzunehmen. Die Gülle muss irgendwo hin – und landet dann oft in überdüngten Böden, im Grundwasser oder in der Luft.
Die EU treibt das Problem seit Jahren um. Vertragsverletzungsverfahren gegen Deutschland wegen zu hoher Nitratwerte sind keine Seltenheit mehr. Die Landwirtschaft sucht händeringend nach Wegen, die Nährstoffüberschüsse in den Griff zu bekommen. Bisherige Ansätze – Gülle aufbereiten, transportieren, verbrennen – sind teuer und oft wenig effizient.
Ein Hauch von Science-Fiction im Gewächshaus
Was an der Hochschule Osnabrück seit einigen Jahren erprobt wird, klingt auf den ersten Blick wie aus einem Zukunftslabor. Professor Heiner Westendarp und sein Team züchten Wasserlinsen – jene winzigen grünen Pflänzchen, die in stehenden Gewässern oft ganze Teppiche bilden – und füttern sie mit Gülle.
Die Idee ist bestechend einfach. Die Linsen wachsen rasant, verdoppeln ihre Biomasse unter optimalen Bedingungen innerhalb weniger Tage. Dabei entziehen sie dem Wasser den Stickstoff, genau jenen Stoff, der in der Gülle das Problem darstellt. Geerntet, getrocknet und aufbereitet, landen sie wieder im Futtertrog – als eiweißreiches Futter für genau jene Tiere, deren Ausscheidungen am Anfang der Kette standen.
Westendarp schwärmt: „Die Idee ist genial und absolut neu.“ Die Deutsche Bundesstiftung Umwelt fördert das Projekt namens LemnaProtein mit einer halben Million Euro. Gemeinsam mit seinem Kollegen Hans-Werner Olfs tüftelt das Team daran, den Kreislauf praxistauglich zu machen.
Vom Ärgernis zum Hoffnungsträger
Dass ausgerechnet die Wasserlinse, die so mancher Teichbesitzer als Plage bekämpft, einmal als Retterin der Gewässer gefeiert werden könnte, hat eine gewisse Ironie. Aber die kleinen Pflanzen haben Eigenschaften, die sie für diesen Zweck prädestinieren. Sie wachsen nicht nur schnell, sie sind auch anspruchslos und robust. In geschlossenen Gewächshäusern kultiviert, können sie das ganze Jahr über produziert werden – unabhängig von Wetter und Jahreszeit.
Der Clou: Die Linsen ersetzen importiertes Soja aus Übersee, das oft unter problematischen Bedingungen angebaut wird und lange Transportwege hinter sich hat. Rapsextraktionsschrot gibt es zwar als heimische Alternative, aber die Nachfrage ist so groß, dass sie allein nicht reicht. Wasserlinsen könnten die Lücke schließen.
Hindernisse auf dem Weg zur Praxis
Bis zur Marktreife ist es noch ein weiter Weg. Die Anlagen müssen effizienter werden, die Erntetechnik verfeinert, die Futterwirkung genau untersucht. Westendarp und sein Team arbeiten mit Hochdruck daran, die offenen Fragen zu klären. Erste Versuche mit Schweinen und Geflügel laufen vielversprechend.
Wenn es gelingt, den Kreislauf wirtschaftlich zu betreiben, winkt eine doppelte Dividende: weniger Umweltbelastung durch Gülle und weniger Abhängigkeit von Sojaimporten. Die Wasserlinse, das unscheinbare Pflänzchen, könnte zum Symbol werden für eine Landwirtschaft, die ihre Abfälle nicht mehr als Problem, sondern als Ressource begreift.
Quellen:
Deutsche Bundesstiftung Umwelt (2024): LemnaProtein – Projektförderung. Verfügbar unter: https://www.dbu.de
Hochschule Osnabrück (2025): Wasserlinsen als Futtermittel und Güllefilter. Verfügbar unter: https://www.hs-osnabrueck.de
Bundesinformationszentrum Landwirtschaft (2024): Nährstoffüberschüsse in der Tierhaltung. Verfügbar unter: https://www.landwirtschaft.de
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