Seit 250 Jahren gibt es keine Wölfe mehr in Schottland. Eine neue Studie der Universität Leeds zeigt: Das war ein Fehler – und die Rückkehr des Wolfes könnte eine der wirkungsvollsten Klimaschutzmaßnahmen Großbritanniens werden.
Das Problem: 400.000 Hirsche fressen Schottland kahl
Seit der Wolf in Schottland um 1680 ausgerottet wurde, hat der Rothirsch keine natürlichen Feinde mehr. Das Ergebnis ist dramatisch: Heute leben schätzungsweise 400.000 Rothirsche in den Highlands – und sie fressen jeden jungen Baum auf bevor er wachsen kann (Spracklen et al., 2025).
Nur noch vier Prozent Schottlands sind mit natürlichem Wald bedeckt – einer der niedrigsten Werte in ganz Europa. Ohne Bäume kein CO₂-Speicher, kein Lebensraum für Tiere, keine Bodengesundheit. Der fehlende Wolf hat eine Kettenreaktion ausgelöst.
In Yellowstone National Park, USA, wurde der Wolf 1995 wieder eingeführt – und verwandelte das gesamte Ökosystem. Flüsse änderten ihren Lauf, Wälder wuchsen zurück, Biber kehrten zurück. Wissenschaftler nennen das eine „trophische Kaskade“.
Die Studie: 167 Wölfe könnten eine Million Tonnen CO₂ binden
Prof. Dominick Spracklen und sein Team der Universität Leeds haben im Februar 2025 erstmals berechnet was passiert wenn Wölfe zurückkehren. Ihre Modelle zeigen: Eine Population von etwa 167 Wölfen in vier Gebieten der schottischen Highlands würde die Hirschpopulation so weit regulieren dass Bäume wieder natürlich aufwachsen können (Spracklen et al., 2025).
Das Ergebnis wäre enorm: Die regenerierten Wälder könnten jährlich eine Million Tonnen CO₂ binden – das entspricht fünf Prozent des britischen Aufforstungsziels für Netto-Null bis 2050 (University of Leeds, 2025).
Jeder Wolf wäre demnach für die Bindung von rund 6.700 Tonnen CO₂ pro Jahr verantwortlich – ein finanzieller Klimawert von etwa 185.000 Euro pro Tier.

Mehr als nur Klimaschutz
Die Vorteile gehen weit über CO₂ hinaus. Weniger Hirsche bedeuten weniger Wildunfälle auf Straßen, weniger Borreliose-Erkrankungen durch Hirschzecken, und niedrigere Kosten für den staatlichen Hirschbestand-Management (Euronews, 2025).
Dazu kommt Ökotourismus: Schottland könnte wie Yellowstone zum Ziel für Wolfs-Beobachter aus aller Welt werden. Das Alladale Wilderness Reserve in Sutherland – ein 23.000 Acres großes Rewilding-Projekt – empfängt heute bereits 1.500 Besucher jährlich, obwohl noch keine Wölfe dort leben (National Geographic, 2025).
In Europa gibt es heute bereits mehr als 12.000 Wölfe – sie besiedeln wieder 67 Prozent ihres historischen Verbreitungsgebiets. Selbst in den Niederlanden, einem der dichtest besiedelten Länder Europas, leben wieder Wölfe.
Der Widerstand: Bauern und Jäger sind skeptisch
Nicht alle sind begeistert. Schafbauern und Hirschjäger in den Highlands fürchten wirtschaftliche Verluste. Die Forscher betonen deshalb: Bevor auch nur ein Wolf wieder freigelassen werden kann, braucht es umfassende Gespräche mit allen Beteiligten, Entschädigungssysteme und klare Managementpläne (Spracklen et al., 2025).
Mitautor Lee Schofield – selbst Bauer und Autor – formuliert es so: Man wolle neue Informationen liefern für laufende Diskussionen. Eine Wiederansiedlung ohne breite gesellschaftliche Unterstützung werde nicht funktionieren.
Schottland als erstes „rewilded nation“?
Die Vision geht noch weiter. Die Organisation Trees for Life arbeitet an einem 30-Jahres-Plan namens „Affric Highlands“ – ein zusammenhängendes Wildnisgebiet in den zentralen Highlands. Und Paul Lister, Besitzer des Alladale Wilderness Reserve, träumt seit 2003 von der Wolfsrückkehr (National Geographic, 2025).
Schottland könnte das erste Land der Welt werden das sich gezielt „rewildet“ – also sein Ökosystem bewusst in einen naturnahen Zustand zurückführt. Der Wolf wäre dabei nicht Bedrohung sondern Werkzeug.
Literaturverzeichnis
→ Euronews (2025). Wolves won’t be back in Scotland anytime soon, say experts
→ National Geographic (2025). Scotland could become first rewilded nation
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