Der Agri‑Solarpark in Lemwerder versorgt über 6 000 Haushalte mit erneuerbarem Strom aus 26 000 Solarmodulen auf 18 Hektar und zeigt, wie Landwirtschaft und Energieproduktion koexistieren können. Landwirt Henning Kruse realisierte dieses Modellprojekt, das Milchviehhaltung mit Solarstromerzeugung verbindet, Flächen effizient nutzt und CO₂‑Emissionen reduziert. Agri‑Photovoltaik ermöglicht eine Doppelernte von Energie und landwirtschaftlicher Nutzung und stabilisiert Betriebseinkommen. Das Projekt hat Vorbildcharakter für Deutschland und fördert lokale Wertschöpfung, regionale Energieversorgung und Biodiversität unter den Solarmodulen. Agri‑Solarpark steht damit für innovative Flächennutzung, nachhaltige Landwirtschaft und Beitrag zur Energiewende.

 

Einleitung: Landwirtschaft, Flächenkonkurrenz und Energiewende

Die Kombination aus Energiewende und nachhaltiger Landwirtschaft gehört zu den zentralen Fragen, mit denen Deutschland in den kommenden Jahren konfrontiert ist. Während die Nachfrage nach erneuerbarem Strom kontinuierlich steigt, stehen Landwirte vor der Herausforderung, landwirtschaftlich genutzte Fläche nicht für Energieprojekte aufgeben zu müssen. In Lemwerder in der Wesermarsch hat der Milchviehhalter Henning Kruse nach zweieinhalb Jahren Planung und Bau erfolgreich Deutschlands größten Agri‑Solarpark errichtet. Die Anlage umfasst 26 000 Solarmodule auf 18 Hektar und liefert klimafreundlichen Strom für mehr als 6 000 Haushalte pro Jahr (iNeG 2025; NDR 2025).

Strukturelles Problem: Energiebedarf, Klimaziele und Flächennutzung

Deutschland hat sich verpflichtet, den Anteil erneuerbarer Energien im Strommix deutlich zu erhöhen, um die Klimaziele für 2030 zu erreichen. Laut dem Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz soll der Anteil erneuerbarer Energien am Stromverbrauch bis 2030 auf 65 Prozent steigen (BMWK 2024). Gleichzeitig steht landwirtschaftliche Nutzfläche unter Druck: Siedlungsentwicklung, Infrastrukturprojekte und Naturschutz reduzieren die verfügbaren Flächen für die konventionelle Landwirtschaft, gerade in dicht besiedelten Regionen. Klassische Freiflächen‑Photovoltaikanlagen konkurrieren mit der Nahrungsmittelproduktion um begrenzten Raum. Für viele Landwirte stellt sich daher die Frage, wie sie einerseits produktiv wirtschaften und andererseits zur Energiewende beitragen können, ohne wertvolle Flächen dauerhaft zu verlieren.

Die Problematik ist nicht nur ökologisch relevant, sondern hat auch soziale und ökonomische Dimensionen: Landwirtschaftliche Betriebe sehen sich sinkenden Einkommen, volatilen Märkten und steigenden Betriebskosten ausgesetzt. Gleichzeitig sorgt die Debatte um landwirtschaftliche Flächen für politischen und gesellschaftlichen Diskurs darüber, wie Energie‑ und Ernährungssicherheit in Einklang gebracht werden können.

Die Lösung: Agri‑Photovoltaik in Lemwerder

Konzept und technische Umsetzung

Agri‑Photovoltaik, kurz Agri‑PV, ist ein innovatives Modell zur gleichzeitigen Nutzung landwirtschaftlicher Flächen für Energieproduktion und landwirtschaftliche Nutzung. Anstatt Freiflächenanlagen auf produktiven Äckern zu errichten, werden die Solarmodule so installiert, dass unter und zwischen ihnen weiterhin Landwirtschaft betrieben werden kann. Dies ermöglicht eine sogenannte Doppelernte: Energie und landwirtschaftliche Erträge werden gemeinsam erzeugt.

In Lemwerder wurde dieses Konzept umgesetzt: Auf 18 Hektar Fläche wurden 26 000 Solarmodule installiert, die über ein Jahr gerechnet ausreichend Strom erzeugen, um mehr als 6 000 Haushalte klimafreundlich zu versorgen (iNeG 2025; NDR 2025). Die Module sind so angeordnet, dass ausreichend Licht für das Graswachstum und die Bewegungsfreiheit der Tiere gewährleistet bleibt. Die erzeugte Energie wird in das öffentliche Netz eingespeist und trägt zur regionalen Versorgung bei.

Vorteile für Landwirtschaft und Energieproduktion

Agri‑PV schafft mehrere Vorteile: Für Landwirt Kruse bedeutet die zusätzliche Einnahmequelle aus der Stromproduktion eine Stabilisierung des Einkommens, das allein aus der Milchviehhaltung zunehmend druckvollen Märkten ausgesetzt ist. Gleichzeitig bleibt die landwirtschaftliche Nutzung erhalten; auf den Flächen unter den Modulen wächst Gras für die Tiere, und die Anlage schafft Lebensraum für Insekten und stellt eine extensive Weidenutzung sicher.

Ökologisch reduziert der Agri‑Solarpark CO₂‑Emissionen durch die Erzeugung erneuerbarer Energie und mindert die Flächenkonkurrenz zwischen Landwirtschaft und Energieproduktion. So bleibt landwirtschaftliche Produktion möglich, ohne zusätzliches Land für reine Energieerzeugung zu beanspruchen.

Entstehungsgeschichte und Motivation

Initiator und Hintergrund

Henning Kruse, ein Milchviehhalter aus Lemwerder, begann vor etwa zweieinhalb Jahren mit der Idee, auf seinem Betrieb eine Agri‑PV‑Anlage zu errichten. Zu Beginn stieß das Vorhaben auf Skepsis, da viele Bekannte sich diese Form der Nutzung nicht vorstellen konnten (NDR 2025). Bereits in der Planungsphase war klar, dass die technische Umsetzung komplex ist und administrative Hürden wie Genehmigungen und Netzanbindung überwunden werden mussten.

Kruse koordinierte die Zusammenarbeit mit Planungsbüros, Energieunternehmen und der Netzbetreiberin sowie mit Behörden der Gemeinde und des Landkreises. Die Rechtsform des Projekts ist privatwirtschaftlich, wobei Kruse als Betreiber die Verantwortung trägt. Die Finanzierung erfolgte unter anderem durch Kreditaufnahme und Fördermittel für erneuerbare Energien, die den Ausbau von Agri‑PV‑Projekten unterstützen.

Motivation

Die treibenden Motive von Kruse lagen sowohl im Wunsch nach unternehmerischer Zukunftssicherung als auch im Beitrag zur Energiewende. Durch die zusätzliche Stromproduktion wollte er nicht nur wirtschaftliche Risiken im Milchviehbetrieb mindern, sondern auch ein Beispiel schaffen, wie Landwirtschaft und erneuerbare Energien sinnvoll kombiniert werden können. Sein Ansatz ist dabei nicht dogmatisch auf Technik fixiert, sondern pragmatisch: Landwirtschaftliche Produktion und Energieerzeugung sollen gemeinsam funktionieren.

Beispiele für Umsetzung und Erfolg

Technische Ergebnisse und Produktion

Die Anlage in Lemwerder wurde erfolgreich ans Netz angeschlossen und produziert Strom, der die Versorgung von mehr als 6 000 Haushalten im Jahr deckt (iNeG 2025; NDR 2025). Dieser Wert basiert auf der jährlichen Stromproduktion der Photovoltaikanlage und einem durchschnittlichen Stromverbrauch pro Haushalt. Die Solarmodule wurden so installiert, dass sie sowohl energetisch effizient als auch kompatibel mit landwirtschaftlichen Anforderungen sind.

In vergleichbaren Agri‑PV‑Projekten in Deutschland zeigen sich ähnliche Potenziale: Demonstrationsanlagen in Bedburg (Rheinisches Revier) mit einigen tausend Modulen erzeugen Strom für über 1 000 Haushalte und testen die Kombination von Solarstrom und Agrarproduktion (RWE 2025). Auch in Donaueschingen‑Aasen versorgt ein Agri‑PV‑Park rund 1 400 Haushalte mit Strom und bestätigt, dass Agri‑PV wirtschaftlich tragfähig ist (Next2Sun 2024).

Diese Beispiele unterstreichen, dass Agri‑PV nicht nur auf großen Flächen funktioniert, sondern auch in kleineren und mittleren Anlagen wirtschaftlich und technisch umsetzbar ist.

Wirkung und gesellschaftliche Relevanz

Der Agri‑Solarpark in Lemwerder hat über seine direkte Stromproduktion hinaus gesellschaftliche Relevanz. Er zeigt, dass Landwirtschaft und Energiewende keine unvereinbaren Interessen darstellen müssen, sondern durch innovative Konzepte kombiniert werden können. Agri‑PV kann zur lokalen Wertschöpfung beitragen, indem sie zusätzliche Einnahmen für Landwirte generiert und regionale Netze stabilisiert.

Das Modell hat darüber hinaus Symbolwirkung: Es liefert ein praktisches Beispiel für die Nutzung begrenzter Flächen in Zeiten steigender Energie- und Lebensmittelbedarfe. In einer Zeit, in der Flächennutzung oft politisch diskutiert wird, bietet Agri‑PV eine Lösung, die betriebswirtschaftliche Interessen der Landwirtschaft mit nationalen Klimazielen verknüpft.

Herausforderungen und Perspektiven

Trotz des Erfolgs bestehen Herausforderungen: Die Planung und Umsetzung solcher Projekte erfordert technisches Know‑how, finanzielle Ressourcen und die Bereitschaft, administrative Hürden zu überwinden. Zudem müssen Aspekte wie Verschattung, Wasserhaushalt, Tierwohl und landwirtschaftliche Produktivität genau evaluiert werden. Langfristig hängt die Verbreitung von Agri‑PV auch von politischen Rahmenbedingungen, Förderprogrammen und Akzeptanz in der Landwirtschaft ab.

Faktencheck

Alle im Artikel dargestellten Informationen basieren auf überprüfbaren Quellen und aktuellen Berichten. Der Agri‑Solarpark in Lemwerder existiert real und produziert Strom für über 6 000 Haushalte. Angaben zu technischen Daten, Haushaltsversorgung und Projektstatus sind verifizierbar (iNeG 2025; NDR 2025).

Quellen

iNeG (2025). Aktuelles Archiv: Projektname Kruse – Agri‑PV‑Anlage in Lemwerder. https://ineg-energie.de/aktuelles-archiv/ (Zugriff 2025).
NDR (2025). So produziert Deutschlands größter Agri‑Solarpark in Niedersachsen Strom – Videobericht. (NDR Info YouTube) https://www.youtube.com/watch?v=nY3caZ8Lqvs (Zugriff 2025).
BMWK (2024). Erneuerbare Energien in Deutschland: Aktueller Stand und Ausblick. https://www.bmwk.de/Redaktion/DE/Dossier/erneuerbare-energien.html.
RWE (2025). Agri‑Photovoltaik Demonstrationsanlagen: Stromproduktion und Landwirtschaft. https://www.rwe.com (allgemeine Projektübersicht).
Next2Sun (2024). Agri‑PV Park Donaueschingen‑Aasen – Energieversorgung für Haushalte. https://next2sun.com.

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