Der Artikel beleuchtet das Projekt Sinneserfahrung auf vier Rädern der Stiftung visoparents. Der mobile Snoezelwagen ermöglicht Kindern mit komplexen Bedürfnissen gezielte Sinneserfahrungen direkt im Schulalltag. Beschrieben werden das gesellschaftliche Problem unzureichender Förderstrukturen, die Entstehung des Projekts, seine praktische Umsetzung sowie seine Bedeutung für inklusive Bildung in der Schweiz. Der Beitrag ordnet das Projekt sachlich ein und zeigt anhand realer Beispiele, wie pädagogische Innovation konkrete Wirkung entfalten kann.Ein strukturelles Problem, das oft übersehen wird

 

In der Schweiz leben viele Kinder mit schweren Behinderungen, Sinnesbeeinträchtigungen oder komplexen Mehrfachdiagnosen. Für sie ist der Alltag häufig von Reizüberflutung, fehlender individueller Förderung und eingeschränkter Teilhabe geprägt. Zwar hat die Schweiz 2014 die UNO Behindertenrechtskonvention ratifiziert, doch zwischen rechtlichem Anspruch und gelebter Realität klafft weiterhin eine deutliche Lücke (Stiftung visoparents 2025).

Insbesondere Kinder mit Wahrnehmungsstörungen oder neurologischen Besonderheiten stoßen im klassischen Bildungssystem schnell an Grenzen. Unterrichtsräume sind selten reizarm gestaltet, individuelle Rückzugsmöglichkeiten fehlen, therapeutische Angebote sind oft ausgelagert und zeitlich begrenzt. Für viele Familien bedeutet das eine dauerhafte Überforderung. Eltern übernehmen Koordinationsaufgaben zwischen Schule, Therapie und Betreuung und geraten nicht selten selbst an Belastungsgrenzen.

Vor diesem Hintergrund gewinnen niedrigschwellige, flexible Förderansätze an Bedeutung. Einer dieser Ansätze ist das Projekt „Sinneserfahrung auf vier Rädern“ der Stiftung visoparents, das gezielt dort ansetzt, wo strukturelle Angebote bislang fehlen: direkt im Alltag der Kinder.


Die Stiftung visoparents: Aus Elterninitiative gewachsen

Die Stiftung visoparents hat ihre Wurzeln in einer Elternbewegung der frühen 1960er Jahre. 1963 gründeten betroffene Eltern in Zürich einen Verein, um gegen die damalige Praxis anzukämpfen, sehbehinderte und blinde Kinder frühzeitig von ihren Familien zu trennen und in Internate zu geben. Eine zentrale Rolle spielten dabei Yvonne und Werner Weiler sowie der sehbehinderte Lehrer Albert Roth, die sich für eine wohnortnahe, familienintegrierte Förderung einsetzten (Stiftung visoparents 2025).

Aus dieser Initiative entwickelte sich über Jahrzehnte eine professionelle Organisation. Seit 2020 ist visoparents als Stiftung organisiert. Heute beschäftigt sie rund 120 Mitarbeitende und betreibt unter anderem heilpädagogische Tagesschulen, integrative Kindertagesstätten, Beratungsangebote für Eltern sowie Selbsthilfegruppen. Die Stiftung arbeitet politisch und konfessionell neutral und ist als gemeinnützig anerkannt (Stiftung visoparents 2025).

Ein zentrales Leitmotiv zieht sich durch alle Angebote: Kinder sollen nicht an Systeme angepasst werden, sondern Systeme an die Bedürfnisse von Kindern.

 


Entstehung des Projekts Sinneserfahrung auf vier Rädern

Das Projekt „Sinneserfahrung auf vier Rädern“ entstand aus der Praxis heraus. Entwickelt wurde der mobile Snoezelwagen von der Sozialpädagogin Sarah Rogalski im Rahmen ihrer Diplomarbeit. Ziel war es, ein pädagogisches Instrument zu schaffen, das flexibel, mobil und unmittelbar im Schulalltag einsetzbar ist (visoparents 2024).

Snoezelen, ein Konzept aus den Niederlanden, bezeichnet die gezielte Förderung über Sinnesreize in einer geschützten Umgebung. Klassische Snoezelräume sind jedoch stationär, kostenintensiv und räumlich gebunden. Für viele Schulen sind sie kaum realisierbar. Der Snoezelwagen sollte diese strukturelle Hürde überwinden.

Mithilfe externer Fördergelder konnte der Wagen realisiert und in der heilpädagogischen Tagesschule von visoparents eingeführt werden. Er ist heute fester Bestandteil des pädagogischen Alltags (visoparents 2024).


Aufbau und pädagogisches Konzept des Snoezelwagens

Der Snoezelwagen ist modular aufgebaut und vollständig mobil. Er enthält unter anderem LED Lichtquellen, taktile Materialien, Klanginstrumente, Duftmodule sowie ein faltbares Dunkelzelt. Die Elemente lassen sich je nach Bedarf kombinieren oder einzeln einsetzen (Gute Ideen 2025).

Das Dunkelzelt spielt eine zentrale Rolle. Es ermöglicht eine stark reizreduzierte Umgebung, in der Kinder visuelle und akustische Reize kontrolliert wahrnehmen können. Für Kinder mit hoher Reizempfindlichkeit ist dies oft die Voraussetzung, um überhaupt zur Ruhe zu kommen.

Der Wagen kann sowohl im Einzelsetting als auch in Gruppen genutzt werden. Er wird im Klassenzimmer, im Nebenraum oder im Therapiekontext eingesetzt. Seine Konstruktion ist robust und bewusst alltagstauglich gehalten, damit er ohne großen organisatorischen Aufwand genutzt werden kann (Gute Ideen 2025).


Konkrete Effekte im Schulalltag

Die Einführung des Snoezelwagens hat den pädagogischen Alltag an der heilpädagogischen Tagesschule spürbar verändert. Lehr und Fachpersonen berichten, dass Kinder, die zuvor kaum Zugang zu Gruppenaktivitäten fanden, durch den gezielten Einsatz sensorischer Reize besser regulierbar wurden (Gute Ideen 2025).

Ein Beispiel aus der Praxis: Ein Schüler mit starkem Bewegungsdrang und geringer Impulskontrolle nutzt das Dunkelzelt regelmäßig als Rückzugsort. Die Möglichkeit, sich kontrolliert abzuschirmen, führt dazu, dass er anschließend wieder am Unterricht teilnehmen kann. In anderen Fällen reagierten Kinder erstmals gezielt auf Licht oder Klang, was neue Kommunikationswege eröffnete (Gute Ideen 2025).

Auch als Übergangsinstrument hat sich der Wagen bewährt. Nach Pausen oder dem Mittagessen hilft er dabei, den Wechsel zurück in den Lernmodus zu erleichtern. Der Snoezelwagen wird damit nicht nur als Förderinstrument, sondern auch als strukturierendes Element im Tagesablauf genutzt.


Gesellschaftliche Relevanz und Einordnung

Projekte wie „Sinneserfahrung auf vier Rädern“ zeigen exemplarisch, wie Inklusion praktisch umgesetzt werden kann. Während politische Debatten häufig auf struktureller Ebene geführt werden, entstehen Fortschritte im Alltag oft durch solche konkreten Lösungen.

Die UNO Behindertenrechtskonvention fordert ausdrücklich den gleichberechtigten Zugang zu Bildung und Förderung. Mobile, flexible Konzepte wie der Snoezelwagen leisten hierzu einen Beitrag, indem sie individuelle Bedürfnisse ernst nehmen und nicht auf Sonderlösungen außerhalb des Systems setzen (Stiftung visoparents 2025).

Zugleich entlasten sie Fachkräfte und Familien. Förderung wird dort möglich, wo sie gebraucht wird, ohne zusätzliche Wege, Termine oder bürokratische Hürden.


Perspektiven und Weiterentwicklung

Eine formale externe Evaluation des Projekts liegt bislang nicht vor. Dennoch zeigen die dokumentierten Praxiserfahrungen, dass der Snoezelwagen pädagogisch sinnvoll eingesetzt werden kann. Vergleichbare Forschungsprojekte im Bereich sensorischer Förderung und neuer Lernumgebungen unterstreichen die Relevanz solcher Ansätze für Kinder mit komplexen Bedürfnissen (HfH 2025).

Langfristig wäre eine systematische Evaluation ein logischer nächster Schritt, um Wirkung, Übertragbarkeit und Skalierbarkeit zu prüfen. Das Projekt eignet sich grundsätzlich auch für andere Schulen, Betreuungseinrichtungen oder therapeutische Kontexte.



Quellen

Stiftung visoparents (2025). Stiftung visoparents – Familie, Kind und Behinderung.
https://www.visoparents.ch

Stiftung visoparents (2025). Geschichte und Jubiläum.
https://www.visoparents.ch/jubilaeum/

Stiftung visoparents (2024). Sinneserfahrung auf vier Rädern.
https://www.visoparents.ch/2024/03/11/snoezelwagen/

Gute Ideen (2025). Wie ein mobiler Snoezelwagen den Schulalltag verändert.
https://guteideen.org/2025/04/10/snoezelwagen-stiftung-visoparents/

Hochschule für Heilpädagogik HfH (2025). Digitale und sensorische Lernumgebungen.
https://www.hfh.ch


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