Das Wohnprojekt Vielsam in Bochum schafft dauerhaft bezahlbaren Wohnraum, der dem Immobilienmarkt entzogen bleibt. Das Projekt organisiert gemeinschaftliches Wohnen, solidarische Mieten und Selbstverwaltung nach dem Modell des Mietshäuser Syndikats. Bewohnerinnen und Bewohner sichern sich stabile Mieten, gestalten ihr Wohnumfeld gemeinsam und öffnen das Haus für nachbarschaftliche Angebote wie Werkstätten und Austausch. Der Artikel zeigt konkret, wie Vielsam funktioniert, wer dahintersteht und welchen sozialen Mehrwert das Projekt für Stadtteil und Gemeinschaft bietet.
Ein strukturelles Problem: Wohnen in Deutschland und Ruhrgebiet
In Deutschland hat sich das Thema Wohnen über die letzten zwei Jahrzehnte zu einem der zentralen sozialen und politischen Konfliktfelder entwickelt. Vor allem in urbanen Räumen ist bezahlbarer Wohnraum knapp. Steigende Mietpreise, Verdichtung, und wachsende Nachfrage treffen auf ein Angebot, das nicht in gleichem Maß wächst. Dies führt nicht nur zu finanzieller Belastung vieler Haushalte, sondern auch zu sozialer Ausgrenzung, Verdrängung und Einsamkeit. Besonders für Menschen mit niedrigen oder mittleren Einkommen wird das Grundbedürfnis Wohnen zunehmend existenziell schwierig (Wohnprojekt Vielsam 2025). Gleichzeitig wächst der Wunsch nach gemeinschaftlichen Lebensformen, die soziale Teilhabe, gegenseitige Unterstützung und solidarisches Zusammenleben stärker in den Mittelpunkt stellen (Wikipedia 2025).
Vor diesem Hintergrund haben sich 2024 in Bochum Menschen zusammengeschlossen, um mit dem Wohnprojekt Vielsam eine konkrete Antwort auf diese Herausforderungen zu entwickeln. Sie verfolgen nicht nur das Ziel, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen, sondern auch ein alternatives Modell des Zusammenlebens zu etablieren.
Entstehung des Projekts: Menschen, Motivation, Struktur
Das Wohnprojekt Vielsam ist eine Initiative, die 2024 im Ruhrgebiet ins Leben gerufen wurde. Die Beteiligten möchten gemeinschaftlich wohnen, Mietwucher entgegentreten und ein solidarisches Miteinander gestalten (Wohnprojekt Vielsam 2025). Die Gründungsgruppe besteht nach eigenen Angaben aus acht Personen – darunter Anja, Vera, Thomas, Galika, Dana, Ina, Ulf und Kevin – die aus unterschiedlichen beruflichen Kontexten stammen, vom Lehrer über IT-Berater bis zur Pressereferentin (Wohnprojekt Vielsam 2025). Ihre Motivation ist eng mit dem Bedürfnis nach Verbundenheit, Gemeinschaft und der Bewahrung bezahlbaren Wohnraums verknüpft.
Formal organisiert sich das Projekt heute als eingetragene Gesellschaft bürgerlichen Rechts (eGbR), mit dem Ziel, langfristig eine Immobilie zu erwerben, die den Beteiligten und weiteren Bewohnerinnen und Bewohnern gehört und zu sozial verträglichen Bedingungen genutzt wird (Wohnprojekt Vielsam 2025). Ergänzend sind die Initiatorinnen und Initiatoren im Verband des Mietshäuser Syndikats eingebunden, einem bundesweiten Netzwerk von selbstorganisierten Wohnprojekten mit über 200 Projekten (EcoReporter 2025).
Das Wohnprojekt Vielsam: Mietshaus Syndikat, Selbstverwaltung und Direktkredite
Das Grundprinzip des Projekts orientiert sich an dem Modell des Mietshäuser Syndikats. Dieses Modell verfolgt den Zweck, Immobilien dauerhaft dem freien Markt zu entziehen und sie so dem Spekulationsdruck zu entziehen. Formal wird dazu eine GmbH gegründet, deren Gesellschafter der Hausverein und das Mietshäuser Syndikat sind. Die GmbH tritt als Eigentümerin im Grundbuch auf, während die Bewohnerinnen und Bewohner, organisiert im Hausverein, die Immobilie gemeinschaftlich nutzen und verwalten (EcoReporter 2025).
Ein wesentliches Element der Finanzierung sind sogenannte Direktkredite. Dabei handelt es sich um Nachrangdarlehen, die ab einem Mindestbetrag von 1000 Euro aufgenommen werden können und für soziale Zwecke eingesetzt werden. Die Kreditgeberinnen und Kreditgeber können dabei einen Zinssatz zwischen null und 1,5 Prozent wählen. Diese Mittel dienen als Eigenkapital für den Kauf, Ausbau und die Absicherung der Immobilie, ergänzt durch Bankdarlehen (EcoReporter 2025)(Wohnprojekt Vielsam 2025).
Ziel ist es, eine Immobilie zu erwerben und zu verwalten, deren Mietpreise langfristig sozial verträglich bleiben – prognostiziert werden etwa zehn bis zwölf Euro pro Quadratmeter Kaltmiete, was im Ruhrgebiet als im unteren bis mittleren Segment einzuordnen ist (EcoReporter 2025). Gleichzeitig soll das Projekt weit über das Wohnen hinaus Nachbarschaft befördern, durch offene Werkstätten, gemeinsame Veranstaltungen und Austausch mit dem Stadtteil (Wohnprojekt Vielsam 2025).
Praktische Umsetzung: Schritte, Beteiligung, Aktivitäten
Die Gründungsphase des Projekts ist von einer intensiven Öffentlichkeitsarbeit und Beteiligungsstruktur geprägt. Interessierte Personen können über Direktkredite zum Projekt beitragen und sich für Beteiligungsformen, Newsletter oder Informationsveranstaltungen anmelden (Wohnprojekt Vielsam 2025). Die Initiatoren stehen in engem Kontakt mit der Stadt Bochum, die gemeinschaftliche Wohnformen in ihrem Gebiet unterstützt, um soziale Vernetzung und bezahlbares Wohnen zu fördern (Wohnprojekt Vielsam 2025).
Ein Projekt dieser Art setzt auf langfristige Perspektiven: Das gemeinsame Ziel ist es, das Haus dauerhaft im sozialen Eigentum zu halten und es nicht dem freien Markt zu überlassen. Dies unterscheidet es von klassischen Eigentums- oder Mietmodellen und schafft eine tragfähige rechtliche Basis für Selbstverwaltung und solidarische Nutzung.
Wirkung und konkrete Relevanz
Das Wohnprojekt Vielsam ist derzeit eines der ersten Projekte dieser Art im Ruhrgebiet. Indem es sich dem Prinzip des Mietshäuser Syndikats anschließt, folgt es einer bundesweit etablierten Praxis, die schon in anderen Städten erfolgreich zur Schaffung und Sicherung bezahlbaren Wohnraums beigetragen hat (EcoReporter 2025). In anderen Regionen haben ähnliche Projekte gezeigt, dass sich auf diese Weise Wohnraum langfristig sichern und Gemeinschaft fördern lässt, ohne dass Spekulationsgewinne im Vordergrund stehen (Wikipedia 2025).
Ein konkretes Beispiel für die praktische Relevanz ist der geplante Aufbau einer offenen Werkstatt, in der Menschen Geräte reparieren und sich gegenseitig unterstützen können, sowie Angebote für die Nachbarschaft, die über den einfachen Wohnraum hinausgehen (Wohnprojekt Vielsam 2025). Solche Aktivitäten tragen zur Stärkung sozialer Bindungen bei und reduzieren Einsamkeit, eine wachsende Problematik in vielen städtischen Lebensräumen.
Chancen und Grenzen: Bewertung des Projekts
Die Chancen des Wohnprojekts Vielsam liegen in der Schaffung langfristig bezahlbaren Wohnraums und der Förderung sozialer Netzwerke. Indem Immobilien dem freien Markt entzogen werden, wird ein Element spekulativer Logik aus dem Wohnungsmarkt ausgeschlossen, wodurch Stabilität für die Bewohnerinnen und Bewohner entsteht. Zudem bietet das Modell eine Plattform für bürgerschaftliches Engagement, das weit über reine Mietverhältnisse hinausgeht.
Gleichzeitig steht das Projekt vor Herausforderungen: Solche Modelle sind komplex in der Finanzierung und erfordern ein hohes Maß an organisatorischer und rechtlicher Expertise. Die Akquise von Direktkrediten, der Aufbau von Eigenkapital und die Sicherstellung einer tragfähigen Mietstruktur sind langfristige Prozesse, die Zeit, Geduld und Vertrauen in das Konzept erfordern.
Zudem handelt es sich um ein Projekt in einer frühen Phase: Die tatsächliche Umsetzung – vor allem der Erwerb der Immobilie und der Bezug durch die Beteiligten – steht zum Zeitpunkt dieser Berichterstattung noch aus und hängt von der erfolgreichen Finanzierung ab.
Quellen
EcoReporter (2025): Wohnprojekt Vielsam : Hauskauf mit bis zu 1,5 Prozent Zins. https://www.ecoreporter.de/artikel/wohnprojekt-vielsam-hauskauf-mit-bis-zu-15-prozent-zins/
Wohnprojekt Vielsam (2025): FAQ. https://wohnprojekt-vielsam.de/faq/
Wohnprojekt Vielsam (2025): Über uns. https://wohnprojekt-vielsam.de/ueberuns/
Wohnprojekt Vielsam (2025): Startseite. https://wohnprojekt-vielsam.de/
WOHN:SINN (2025): Wohnprojekt Vielsam Projektübersicht. https://www.wohnsinn.org/suchen-finden/wohnprojekte-karte/details/projekt-31182
Wikipedia (2025): Wohnprojekt. https://de.wikipedia.org/wiki/Wohnprojekt
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