Zwischen Küstenproblem und Bauboom: Seegras als Rohstoff nutzen

Auf den ersten Blick sind die langen, braunen Algen, die der Wind und die Wellen im Spätsommer und Herbst an Deutschlands Ostseeküste anlanden, ein Ärgernis: Sie riechen, stören den Badestrand und werden in großer Menge von Gemeinden eingesammelt und entsorgt. Doch aus diesem vermeintlichen Abfall ist in den vergangenen Jahren ein Geschäftsmodell geworden, das nicht nur lokale Wirtschaftskreisläufe auf der Insel Poel antreibt, sondern auch die Bauindustrie herausfordert, nachhaltige Alternativen zu herkömmlichen Dämmstoffen zu finden. Träger dieser Entwicklung ist das Start-up „Build Blue“, dessen Gründer Vincent Marnitz Seegras zu einem ökologisch sinnvollen Baustoff verarbeitet. Die Idee ist einfach, ihre Wirkung potenziell weitreichend.

Gesellschaftliches und strukturelles Problem: Abfall, Kosten und Bauökologie

An der Ostseeküste Mecklenburg-Vorpommerns sammeln Tourismusorte und Gemeinden jährlich große Mengen angeschwemmtes Seegras ein. Lange wurde dieses Strandgut als lästiges Problem betrachtet: Es verunziert die Badebereiche, setzt bei Zersetzung unangenehme Gerüche frei und verursacht beträchtliche Entsorgungskosten für die Kommunen. Laut lokalen Berichten könnten allein auf der Insel Poel und im nahegelegenen Ostseebad Boltenhagen jährlich bis zu 10 000 Tonnen Seegras anfallen (Schröder 2023). Die traditionelle Entsorgung über Deponien oder landwirtschaftliche Verwertung ist mit Aufwand, Emissionen und finanziellen Belastungen verbunden.

Parallel dazu steht die Bauwirtschaft in der Kritik, einen erheblichen Anteil an den globalen CO₂-Emissionen zu verursachen – Schätzungen zufolge bis zu 38 Prozent der weltweiten Emissionen (UNEP, zitiert in BuildBlue-Materialien). Konventionelle Dämmstoffe wie Mineralwolle oder Polystyrol basieren meist auf energieintensiven Produktionsprozessen und sind am Ende ihres Lebenszyklus oft schwer recyclebar. Vor diesem Hintergrund wächst der gesellschaftliche Druck, nachhaltige Materialien zu entwickeln, die lokale Ressourcen nutzen und ökologische Kreisläufe fördern.

Die Lösung: Build Blue und die Veredelung von Seegras

Das Projekt „Build Blue“ von Vincent Marnitz greift beide Problemfelder zugleich auf. Es nimmt das angeschwemmte Seegras nicht mehr als Abfallprodukt wahr, sondern als Rohstoff mit besonderen Eigenschaften: Getrocknet ist Seegras schwer entflammbar, schimmelt nicht, verfügt über gute Dämmeigenschaften und kann ohne chemische Zusatzstoffe verarbeitet werden (NDR/AGRAR-TVNews 2025). Diese natürlichen Merkmale machen es zu einem interessanten Kandidaten für den Bauökosektor.

Build Blue verarbeitet das am Strand gesammelte Seegras zu Dämmmaterialien, die in Bauprojekten eingesetzt werden können. Das Ausgangsmaterial wird zunächst gereinigt und getrocknet. Anschließend wird es in Form gebracht – etwa als Dämmstoffmatten oder zur Befüllung von Zwischenräumen in Baukonstruktionen. Diese Verarbeitung geschieht nach Angaben des Unternehmens regional und möglichst ressourcenschonend. Das Ergebnis ist ein Produkt, das die Nachfrage nach ökologisch verträglichen Baustoffen bedienen kann, ohne die Nachteile vieler synthetischer Alternativen.

Entstehungsgeschichte: Gründer Vincent Marnitz, Motivation und Struktur

Im Zentrum des Projekts steht der junge Unternehmer Vincent Marnitz. Der gebürtige Poeler  studierte Betriebswirtschaft an der Hochschule Wismar und lebt mit seiner unternehmerischen Vision auf der Insel, wo die Nähe zur Küste die Grundlage seiner Idee bildet. Gemeinsam mit seinem Mitgründer Adrian Körner arbeitet er seit Mai 2022 an der Entwicklung von Build Blue und der Nutzung von Seegras als nachhaltigem Dämmwerkstoff (Schröder 2023; Gründungswerft 2025).

Vincent Marnitz bringt wirtschaftliche Expertise in das Projekt ein und treibt sowohl Produktentwicklung als auch Marketing voran. Körner, der als Logistik- und Produktionsleiter fungiert, ergänzt das Team um technische Kompetenzen. Ein weiterer Partner ist der Mechatroniker Rico Wegner, der lokal aus Wismar stammt und an der Produktionsseite mitwirkt. Gemeinsam bilden sie ein kleines, aber schlagkräftiges Team, das seine Kompetenzen verzahnt, um eine regionale Wertschöpfung aufzubauen.

Rechtlich ist Build Blue als Start-up organisiert. Die Gründung des Unternehmens war für das Jahr 2023 geplant, mit dem Ziel, im gleichen Jahr die Produktion aufzunehmen und erste Produkte auf den Markt zu bringen (Schröder 2023). Neben der klassischen Unternehmensstruktur setzt Build Blue bewusst auf regionale Partnerschaften: Handwerksbetriebe, Architekturbüros und Kommunen werden als potenzielle Kunden und Partner adressiert, um kurze Lieferketten und eine lokale Verankerung zu gewährleisten (Gründungswerft 2025; WFG NWM 2024).

Praxisbeispiele und Umsetzung

Eines der frühesten Praxisbeispiele für die Anwendung der Build-Blue-Produkte findet sich in der unmittelbaren Region: Auf der Insel Poel wurden erste Tests mit Dämmstoffen aus lokal gesammeltem Seegras durchgeführt, um zu prüfen, wie sich das Material in realen Baukontexten bewährt (Schröder 2023). Dort zeigt sich, dass die natürliche Atmungsaktivität des Seegrases ein angenehmes Raumklima fördert, da es Feuchtigkeit aufnehmen und wieder abgeben kann, ohne zu schimmeln.

Die Resonanz aus der lokalen Bauwirtschaft ist positiv: Zahlreiche Bauunternehmen und Architekturbüros interessieren sich für nachhaltige Baustoffe, wodurch Build Blue bereits Feedback aus der Branche erhält (WFG NWM 2024). Auch im Rahmen regionaler Veranstaltungen wie dem „Seegras für MV“-Forum wurde das Potenzial von Seegras als ökologische Alternative im Bausektor diskutiert, wobei Vertreter des Start-ups die vielseitigen Anwendungsmöglichkeiten präsentierten (Klimastiftung MV 2025).

Was bisher fehlt, ist die offizielle Zulassung des Materials als standardisierter Baustoff im Sinne der Bauordnung. Diese ist nach Angaben der Gründer eine der größten Herausforderungen, an der derzeit gearbeitet wird (Schröder 2023). Ohne diesen formalen Status bleibt die großflächige Nutzung in klassischen Bauprojekten eingeschränkt.

Wirkung und Relevanz im regionalen und überregionalen Kontext

Auf regionaler Ebene bietet Build Blue gleich mehrere positive Effekte: Gemeinden wie Poel können ihre Entsorgungskosten reduzieren, indem sie Seegras nicht mehr als Abfall entsorgen müssen. Gleichzeitig stärkt das Start-up die lokale Wirtschaft durch Produktion, Verarbeitung und Vermarktung eines regionalen Rohstoffs. Kurze Transportwege senken die Emissionen zusätzlich, da weder lange Lieferketten noch energieintensive Herstellungsprozesse nötig sind.

Für den Bausektor eröffnet das Konzept eine ökologische Alternative, die mit Blick auf steigende Energiepreise und wachsendes Umweltbewusstsein attraktiver wird. Immer mehr Bauherren legen Wert auf nachhaltige Materialien, die nicht nur funktional sind, sondern auch in Ökobilanzen eine positive Rolle spielen. Seegrasdämmstoffe aus Build Blue könnten hier ein Beispiel für eine zukunftsfähige Materialinnovation sein.

Überregional ist das Projekt ein Beispiel dafür, wie lokale Ressourcen wertschöpfend genutzt werden können, ohne in Konkurrenz zu natürlichen Ökosystemen zu treten. Seegras kann zwar in bestimmten Kontexten Kohlenstoff binden, doch seine primäre ökologische Funktion bleibt die als Lebensraum für marine Arten und als Bestandteil des Küstenökosystems. Projekte wie Build Blue tragen dazu bei, diesen Rohstoff sinnvoll zu nutzen, ohne die natürlichen Seegraswiesen zu gefährden. Sie machen sichtbar, dass regionale Lösungen einen Beitrag zu globalen Nachhaltigkeitszielen leisten können – ohne sie zu überfrachten.

Grenzen und Herausforderungen

Trotz seiner positiven Ansätze steht das Projekt vor realen Herausforderungen. Eine zentrale ist die Baustoffzulassung: Ohne diese können die Produkte nur begrenzt in regulären Bauprojekten eingesetzt werden. Zudem hängt der Erfolg von der Verfügbarkeit des Rohmaterials ab. Zwar fallen an manchen Stränden große Mengen Seegras an, doch diese Dynamik ist von Jahr zu Jahr unterschiedlich und nicht planbar.

Zudem darf die ökologische Bewertung nicht idealisiert werden. Wissenschaftliche Analysen zeigen, dass Seegraswiesen in ihrer natürlichen Form kein Allheilmittel für den Klimaschutz sind, da ihre langfristige CO₂-Bindung begrenzt und komplex ist (Nationalpark Ostsee 2025). Der Fokus sollte daher auf einem sachlichen Nutzen liegen und nicht auf überzogenen Klimaversprechen. Die tatsächlichen ökologischen Vorteile von Seegrasdämmstoffen – etwa verminderter CO₂-Fußabdruck im Vergleich zu synthetischen Materialien – müssen in normierten Lebenszyklusanalysen belegt werden, um fundierte Aussagen treffen zu können.

Nachhaltig bauen mit regionaler Innovation

Build Blue zeigt, wie ein regionales Startup ein lokales „Problem“ – angeschwemmtes Seegras – in eine Chance verwandelt. Unter der Führung von Vincent Marnitz hat sich ein Team gebildet, das traditionelle Nutzungskonzepte neu interpretiert, um ökologische Baumaterialien zu entwickeln. Ihr Ansatz verbindet lokale Ressourcen, regionale Wertschöpfung und den wachsenden Bedarf nach nachhaltigen Baustoffen.

Die bisherigen Umsetzungen und das Interesse aus der Branche belegen, dass die Idee Potenzial besitzt. Gleichzeitig verdeutlichen Herausforderungen wie die Baustoffzulassung und die dynamische Verfügbarkeit des Rohmaterials, dass es ein weiter Weg bis zur breiten Integration in den Baualltag ist. Build Blue steht damit exemplarisch für eine wachsende Bewegung: nachhaltige, lokal verankerte Innovationen, die zeigen, wie die Transformation zu einer ressourcenschonenden Wirtschaft praktisch aussehen kann.


Quellen

 

 

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