Forscher entwickeln insektenfreundliche Straßenlaternen: Hoffnungsschimmer für die Nacht

Forscher entwickeln insektenfreundliche Straßenlaternen. Der Rückgang der Insektenbestände gehört zu den drängendsten ökologischen Problemen Europas. Während Landwirtschaft, Flächenversiegelung und Pestizide oft im Fokus stehen, wird eine andere Gefahr häufig übersehen: künstliches Licht. Besonders Straßenlaternen wirken wie tödliche Fallen für nachtaktive Insekten. In einem vom Bundesumweltministerium geförderten Projekt entwickelten Forschende des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) nun eine insektenfreundliche Straßenbeleuchtung, die das Problem gezielt adressiert (IGB, 2024a).

Warum Licht so gefährlich für Insekten ist

Zahlreiche nachtaktive Insekten orientieren sich am natürlichen Licht des Mondes. Künstliche Lichtquellen, insbesondere LED-Lampen mit hohem Blauanteil, stören diese Orientierung – die Tiere umkreisen das Licht, bis sie erschöpfen oder gefressen werden. Dieser sogenannte „Staubsaugereffekt“ dezimiert Populationen empfindlicher Arten massiv (Dietenberger et al., 2024).

Eine Studie aus England konnte zeigen, dass bereits der Austausch konventioneller Straßenbeleuchtung durch weiße LEDs zu einem Rückgang von Raupenpopulationen um 47 % führte (Boyes et al., 2021). Gleichzeitig nimmt die Lichtverschmutzung global zu – sie wächst laut Studien jährlich um rund 2 % (Kyba et al., 2017).

Das Projekt AuBe: Licht nur dort, wo es gebraucht wird

Um diesem Trend entgegenzuwirken, startete 2019 das Forschungsprojekt AuBe (Artenschutz durch umweltverträgliche Beleuchtung), das bis Mai 2025 läuft. Es wird vom Bundesamt für Naturschutz (BfN) und dem Bundesumweltministerium mit insgesamt rund 2,4 Millionen Euro gefördert. Ziel: insektenfreundliche Straßenlaternen, die Sicherheit garantiert, aber Insekten möglichst wenig stört (IGB, 2024b).

Entwickelt wurden neue insektenfreundliche Straßenlaternen mit LED-Leuchten mit besonders warmer Farbtemperatur (rund 2700 Kelvin) und einem sogenannten „Shutter-System“. Dieses lenkt das Licht gezielt nach unten und schirmt es nach oben und seitlich vollständig ab – sodass kaum Licht in angrenzende Biotope oder die Flugbahnen der Insekten dringt (Dietenberger et al., 2024).

Insektenfreundliche Straßenlaternen werden im Sternenpark Westhavelland getestet.

Erprobt wurden insektenfreundliche Straßenlaternen unter anderem im Naturpark Westhavelland in Brandenburg, einem der dunkelsten Orte Deutschlands. Dort wurden drei insektenfreundliche Straßenlaternen – Varianten getestet: Standard-LEDs, gedimmte LEDs und die neuen maßgeschneiderten „AuBe-Leuchten“. In nächtlichen Insektenfallen wurden klare Unterschiede sichtbar:

  • Konventionelle LED: Ø 3.296 Insekten vom Licht angezogen

  • Gedimmt: Ø 2.130 Insekten

  • Neue Leuchte: nur Ø 566 Insekten

Das entspricht einer Reduktion um 83 % gegenüber der Standardbeleuchtung (Welt, 2024).

Insektenfreundliche Straßenlaternen auch in Städten erfolgreich

Zusätzlich wurden insektenfreundliche Straßenlaternen im Projekt „NaturLicht“ in drei baden-württembergischen Kommunen getestet. Auch dort zeigte sich: Die neuen insektenfreundlichen Straßenlaternen zogen rund 50 % weniger Insekten an als herkömmliche Modelle – und erfüllten dennoch alle Beleuchtungsnormen für Verkehrssicherheit (Germer, 2022).

Dimmen hilft nicht – Abschirmung ist der Schlüssel

Eine zentrale Erkenntnis: Dimmen allein schützt Insekten kaum. Die reduzierte Lichtmenge führte nicht zu signifikant weniger gefangenen Tieren. Erst die gezielte Lichtlenkung – also die räumliche Abschirmung – brachte klare Effekte (Dietenberger et al., 2024).

Die Forschenden vermuten, dass viele Insekten nicht nur von der Lichtmenge, sondern vor allem von der Richtung und Streuung des Lichts beeinflusst werden (IGB, 2024a). Die neuen Leuchten reduzieren die ungerichtete Ausstrahlung auf ein Minimum – eine Maßnahme, die sich leicht in bestehende Normen integrieren lässt.

Kommunen können jetzt handeln

Zahlreiche Städte und Gemeinden zeigen Interesse an der neuen Technik. In Gülpe, einem kleinen Ort im Havelland, wurden bereitsinsektenfreundliche Straßenlaternen installiert. Auch Karlsruhe und Fulda testen die neuen Systeme (Johannisson, 2024; Fuldainfo, 2023).

Die Stadt Fulda etwa setzt seit 2023 auf besonders abgeschirmte insektenfreundliche Straßenlaternen in Wohngebieten nahe Biotopen. Erste Rückmeldungen aus der Bevölkerung seien positiv, so die Umweltdezernentin. Auch die Wartungskosten seien kaum höher als bei Standard-LEDs (Fuldainfo, 2023).

insektenfreundliche Straßenlaternen: Lichtschutz als Naturschutzmaßnahme

Der Einsatz insektenfreundlicher Straßenlaternen ist ein kostengünstiger Beitrag zum Artenschutz – und besonders effektiv in Schutzgebieten, an Waldrändern oder in der Nähe von Gewässern. Das Biosphärenreservat Rhön etwa empfiehlt in seinen Leitlinien den Einsatz warmweißer, vollständig abgeschirmter Lichtquellen als Standard in der Außenbeleuchtung (Biosphärenreservat Rhön, 2021).

Fazit: Die Zukunft der Nacht liegt in unserer Hand

Der massive Rückgang nachtaktiver Insekten bedroht ganze Nahrungsketten – vom Igel bis zur Fledermaus. Die neue, insektenfreundliche Straßenbeleuchtung aus dem AuBe-Projekt zeigt: Mit relativ einfachen Mitteln lassen sich Lebensräume wieder sicherer gestalten – ohne dabei auf Sicherheit oder Lichtkomfort zu verzichten.

Wenn Politik und Kommunen nun konsequent handeln, könnten diese Leuchten schon bald zum neuen Standard werden – und die Nacht wieder dem gehören, dem sie einst gewidmet war: dem Leben.


Literaturverzeichnis (Harvard Reference Style)

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